Schwerpunktthema auf jjahnke.net - zuletzt aktualisiert: 31/01/2008 16:37 -
Bücher zur Webseite: "Falsch globalisiert (Mai 2006)
und "Deutschland global" (2005)
Für Januar verzeichnet die Statistik der Bundesagentur gegenüber Vormonat einen Rückgang der saisonbereinigten Arbeitslosigkeit um 89.000. Doch angesichts des im Vorjahresvergleich
starken Aufbaus an prekären Beschäftigungsverhältnissen, besonders der unsicheren Leiharbeitsverhälnisse, des hohen Sockels an geringfügig bezahlten Arbeitsverhältnissen
und der fortgesetzten "administrativen Bereinigung" und der - von der Arbeitsmarktpolitik unabhängigen - demographische Entwicklung ist die Arbeitsmarktsituation trotz aller Erfolgsmeldungen
immer noch schwierig. In einer Nettogegenrechnung des Aufwuchses solcher prekärer Arbeitsverhältnisse und der statistischen Sonderfaktoren bleibt vom angeblichen Boom am Arbeitsmarkt viel
weniger übrig.
Innerhalb nur eines Jahres stieg der Anteil der nicht als arbeitslos registrierten Arbeitslosengeldempfänger von 34 % auf 41 % aller Empfänger von Arbeitslosengeld, was
zeigt, wieviel Manipulation mit dem Arbeitslosenbegriff betrieben wird.
Gerade die unsicheren zeitlich begrenzten Arbeitsverhältnisse werden teilweise sehr schnell wieder verschwinden, wenn
sich die Konjunktur - wie erwartet wird - weiter abschwächt. Nicht vergessen: Bei einer kaputten Verbraucherkonjunktur hängt die Entwicklung des Arbeitsmarktes gefährlich am unsicher
werdenden Export. Die letzte Einzelhandelsstatistik für Dezember hat wieder gezeigt, wie kaputt die deutsche Verbraucherkonjunktur ist. Im internationalen Vergleich sieht Deutschland ziemlich
schlecht aus.
Trotzdem triumphiert Bundesminister Scholz heute wie schon sein Vorgänger Müntefering: „Trotz Bankenkrise und Nokia-Schließung können wir weiter
zuversichtlich sein: Der Aufschwung am Arbeitsmarkt hält an. Es gibt einen robusten Aufwärtstrend." Schön wär's!
1. Unbereinigte Zahl der Zahl der Beschäftigten und Arbeitslosen
Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat nach der jüngsten Statistik für November gegenüber Vormonat um 18.000 leicht abgenommen. Seit Beginn des Jahres 2007 geht der Zuwachs auch im Vorjahresvergleich ständig zurück, und über einen längeren Zeitraum gab es relativ wenig Entwicklung (Abb. 04964, 04008).


Erst recht zeigt sich eine enttäuschende Entwicklung, wenn man langfristig mit 1995 vergleicht (Abb. 14011). 2,1 Mio sozialversicherungspflichtig Beschäftigte übten zusätzlich einen geringfügig entlohnten Nebenjob aus - gegenüber dem Vorjahr 82.000 mehr -, was die teilweise minderwertige Qualität auch der versicherungspflichtigen Beschäftigung zeigt.

Die unbereinigten Zahl der Arbeitslosen stieg im Dezember gegenüber Vormonat wieder weiter auf 3,4 Mio an (Abb. 04595). Gegenüber dem Vorjahresmonat ging der Abbau an Arbeitslosigkeit erheblich zurück, ein Trend der schon seit März vergangenen Jahres anhält (Abb. 14042).


2. Saisonbereinigte Zahlen
Das Wachstum der Beschäftigung fiel im Vormonatsvergleich und saisonbereinigt seit den Spitzenzeiten vor etwa einem Jahr auf nur noch 0,09 % ab (Abb. 14041).

Bei der Arbeitslosigkeit errechnet sich saisonbereinigt im Dezember ein Abbau der Zahl der Arbeitslosen um 89.000 gegenüber dem Vormonat, wobei nicht klar ist, wie dies zu dem Aufbau an Erwerbstätigkeit von nur 30.000 passen soll.
3. Struktur-Effekte der Beschäftigung: Mc Jobs
In den Worten der Bundesagentur: "Vor allem bei unternehmensnahen Dienstleistungen gab es einen kräftigen Anstieg (+7 Prozent bzw. +230.000), der wiederum zum größten Teil von Arbeitnehmerüberlassung getragen wird." Arbeitnehmerüberlassung ist die vornehme amtsdeutsche Umschreibung für Leiharbeit. Im Klartext: 39 % der Gesamtzunahme an Erwerbstätigkeit (Monatsdurchschnitte) über ein ganzes Jahr entfällt zum größten Teil bereits auf unsichere und in der Regel schlecht bezahlte Zeitverträge (Abb. 04970).

Die Zahl der ausschließlich geringfügig entlohnt Beschäftigten, die nicht als arbeitslos gemeldet werden, liegt weiterhin sehr hoch. Sie hat nach ersten Hochrechnungen der Bundesagentur für Arbeit im Oktober 4,79 Mio betragen. Nach einer neuen Studie des öffentlichen Instituts für Arbeitsmarktforschung müssen inzwischen 1,33 Millionen Menschen ihr mageres Gehalt durch Hartz IV-Leistungen aufstocken lassen - das sind über eine halbe Million mehr als noch vor zwei Jahren. Unter ihnen befanden sich im November 2007 fast eine halbe Million Menschen, die einen sozialversicherungspflichtigen Vollzeitjob haben.
Abb. 04922 zeigt, in welchem großem Umfang der Rückgang der Arbeitslosigkeit durch prekäre Arbeitsverhältnisse und die demographische Entwicklung bestimmt ist. Leider verrät uns die Bundesagentur nicht, obwohl ihr die Zahl bekannt sein sollte, wie viel des Rückgangs an Arbeitslosigkeit auf der von ihr angedeuteten systematische Überprüfung des Arbeitslosenstatus beruht.

Gerade die unsicheren, zeitlich begrenzten Arbeitsverhältnisse werden teilweise sehr schnell wieder verschwinden, wenn sich die Konjunktur - wie erwartet wird - weiter abschwächt. Die negative Entwicklung des deutschen Einzelhandelsumsatzes (Abb. 04943) bei wachsenden Problemen im Export läßt das Gerede vom „robusten Aufwärtstrend" ziemlich hohl klingen.

Diese Struktureffekte zeigen sich auch im Auseinanderklaffen der Zahl der Arbeitslosen und der Arbeitslosgengeldempfänger, von denen nur 59 % als arbeitslos registriert werden (Abb. 04980); vor einem Jahr wurden noch 66 % registiert.

4. Langzeitarbeitslose, internationaler Vergleich
Dabei verzeichnet die Statistik trotz aller Aussortierungsmanöver, die gerade auf dieses Segment konzentriert sind, mit rund 36 % weiterhin und unverändert einen hohen Anteil an Langzeitarbeitslosen, auf der Basis der letzten Eurostat-Erfassung für das 2. Quartal 2007, den höchsten in den Alt-EU-Ländern nach Griechenland und Belgien (Abb. 04022).

Auch sonst ist im internationalen Vergleich die deutsche Arbeitslosigkeit auf dem 14. bis 15. Platz von 18 Vergleichsländern immer noch hoch, zumal alle größeren bis auf Frankreich wesentlich niedrigere Raten haben (Abb. 04068).

Angesichts des deutschen Dauertriumphes bei den Arbeitsmarktdaten sollte man die der Nachbarn zur Ernüchterung im Auge behalten.
5. Aus dem Kleingedruckten
Und hier noch einiges aus dem Kleingedruckten der Bundesagentur, das die eigenen Unsicherheiten im Umgang mit dieser Statistik zeigt:
- » Geholfen haben außerdem ein
rückläufiges Arbeitskräfteangebot, das nach aktuellen Einschätzungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 2008 jahresdurchschnittlich um rund 90.000 abnehmen
wird.
- » Darüber hinaus dürfte die intensivere Betreuung von Arbeitslosen sowie die systematische Überprüfung des Arbeitslosenstatus für den Vorjahresvergleich noch von
Einfluss gewesen sein, allerdings mit abnehmender Tendenz (Infoportal: Bedeutet rigorose Aussortierung)."
6. Fazit
Ins kritische Auge springt vor allem der auch im Januar im Vorjahresvergleich
starke Aufbau an prekären Beschäftigungsverhältnissen, besonders der unsicheren Leiharbeitsverhälnisse, und die fortgesetzte "administrative Bereinigung", die - neben der von der
Arbeitsmarktpolitik unabhängigen demographische Entwicklung - eine bessere Entwicklung vortäuscht. Innerhalb nur eines Jahres stieg der Anteil der nicht als arbeitslos registrierten
Arbeitslosengeldempfänger von 34 % auf 41 % aller Empfänger von Arbeitslosengeld, was zeigt, wieviel Manipulation mit dem Arbeitslosenbegriff betrieben wird.
Im internationalen Vergleich sieht Deutschland ziemlich schlecht aus.
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Hinweis auf mein neues Buch: Falsch globalisiert, 232 Seiten, 250 Abbildungen, € 14,80
- ist im Mai im vsa-Verlag als Taschenbuch erschienen (ISBN 3-89965-193-6). Das Buch greift 30 der wichtigsten Schwerpunkte in
aktualisierter Form auf. Neue Rezension in FR. 16 wichtigste Schaubilder hier stets aktualisiert (auch Korrekturen).
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