Für Dezember verzeichnet die Statistik der Bundesagentur gegenüber Vormonat einen Rückgang der saisonbereinigten Arbeitslosigkeit um 78.000. Doch angesichts des im Vorjahresvergleich
starken Aufbaus an prekären Beschäftigungsverhältnissen, besonders der unsicheren Leiharbeitsverhälnisse, des hohen Sockels an geringfügig bezahlten Arbeitsverhältnissen
und der fortgesetzten "administrativen Bereinigung" und der - von der Arbeitsmarktpolitik unabhängigen - demographische Entwicklung ist die Arbeitsmarktsituation trotz aller Erfolgsmeldungen
immer noch schwierig. In einer Nettogegenrechnung des Aufwuchses solcher prekärer Arbeitsverhältnisse und der statistischen Sonderfaktoren bleibt vom angeblichen Boom am Arbeitsmarkt viel
weniger übrig.
Gerade die unsicheren zeitlich begrenzten Arbeitsverhältnisse werden teilweise sehr schnell wieder verschwinden, wenn sich die Konjunktur - wie erwartet wird - weiter
abschwächt. Nicht vergessen: Bei einer kaputten Verbraucherkonjunktur hängt die Entwicklung des Arbeitsmarktes gefährlich am unsicher werdenden Export. Im europäischen Vergleich
bleibt Deutschland bei den besonders belasteten Langzeitarbeitslosen am Ende des Vergleichsfeldes und sieht auch sonst nicht besonders aus.
Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat nach der jüngsten Statistik für Oktober zwar gegenüber Vormonat um 78.000 zugenommen. Über einen längeren Zeitraum hat sie jedoch wenig Entwicklung gezeigt; seit Beginn des Jahres geht der Zuwachs zurück (Abb. 04008, 04964). Erst recht zeigt sich der Rückgang, wenn man langfristig mit 1995 vergleicht (Abb. 14011). Dabei habe ich Zweifel an der Korrektheit dieser auf Schätzung beruhenden Statistik: Noch im Januar 2007 wurde die Vergleichszahl für Oktober 2006 so ausgegeben, daß sich übers Jahr bis Oktober 2007 eine Steigerungsrate von nur 1,9 % errechnet, jetzt jedoch gibt die Agentur eine Steigerungsrate von 2,1 % aus. 2,1 Mio sozialversicherungspflichtig Beschäftigte übten zusätzlich einen geringfügig entlohnten Nebenjob aus - gegenüber dem Vorjahr 105.000 mehr -, was die teilweise minderwertige Qualität auch der versicherungspflichtigen Beschäftigung zeigt.



Die unbereinigten Zahl der Arbeitslosen stieg im Dezember gegenüber Vormonat erstmals wieder an (Abb. 04595). Bereits seit Oktober hatte sich der Abbau an Arbeitslosigkeit abgeschwächt (Abb. 14042).


Das Wachstum der Beschäftigung fiel im Vormonatsvergleich und saisonbereinigt seit den Spitzenzeiten vor etwa einem Jahr auf nur noch 0,09 % ab (Abb. 14041).

Bei der Arbeitslosigkeit errechnet sich saisonbereinigt im Dezember ein Abbau der Zahl der Arbeitslosen um 78.000 gegenüber dem Vormonat, etwas mehr als im Vormonat (Abb. 04772).

In den Worten der Bundesagentur: "Vor allem bei unternehmensnahen Dienstleistungen gab es einen kräftigen Anstieg (+7 Prozent bzw. +244.000), der wiederum zum größten Teil von Arbeitnehmerüberlassung getragen wird." Arbeitnehmerüberlassung ist die vornehme amtsdeutsche Umschreibung für Leiharbeit. Im Klartext: 52 % des Rückgangs an Arbeitslosigkeit und 38 % der Gesamtzunahme an Erwerbstätigkeit (Monatsdurchschnitte) über ein ganzes Jahr entfällt zum größten Teil bereits auf unsichere und in der Regel schlecht bezahlte Zeitverträge (Abb. 04970).

Die Zahl der ausschließlich geringfügig entlohnt Beschäftigten, die nicht als arbeitslos gemeldet werden, liegt weiterhin sehr hoch. Sie hat nach ersten Hochrechnungen der Bundesagentur für Arbeit im Oktober 4,77 Mio betragen. Nach einer neuen Studie des öffentlichen Instituts für Arbeitsmarktforschung müssen inzwischen 1,33 Millionen Menschen ihr mageres Gehalt durch Hartz IV-Leistungen aufstocken lassen - das sind über eine halbe Million mehr als noch vor zwei Jahren. Unter ihnen befanden sich im November 2007 fast eine halbe Million Menschen, die einen sozialversicherungspflichtigen Vollzeitjob haben.
Abb. 04922 zeigt, in welchem großem Umfang der Rückgang der Arbeitslosigkeit durch prekäre Arbeitsverhältnisse und die demographische Entwicklung bestimmt ist. Leider verrät uns die Bundesagentur nicht, obwohl ihr die Zahl bekannt sein sollte, wie viel des Rückgangs an Arbeitslosigkeit auf der von ihr angedeuteten systematische Überprüfung des Arbeitslosenstatus beruht.

Gerade die unsicheren, zeitlich begrenzten Arbeitsverhältnisse werden teilweise sehr schnell wieder verschwinden, wenn sich die Konjunktur - wie erwartet wird - weiter abschwächt. Der Ölpreis erreichte gestern zum ersten Mal einen neuen Rekord bei 100 Dollar/Faß; weitere Inflationsgefahren gehen in USA von den Zinssenkungen und Liquiditätsaktionen der Federal Reserve aus, die die Inflationserwartungen gewaltig anheizen. Der ISM-Index der amerikanischen Industrie fiel gestern auf den tiefsten Stand seit etwa fünf Jahren und schürt damit weitere Sorgen hinsichtlich der amerikanischen Wirtschaftsentwicklung. In Deutschland warnte die Kammerorganisation DIHK ebenfalls gestern, daß sich die Entwicklung der deutschen Industrieproduktion merkbar abschwächen werde.
Dabei verzeichnet die Statistik trotz aller Aussortierungsmanöver, die gerade auf dieses Segment konzentriert sind, mit rund 38 % weiterhin und unverändert einen hohen Anteil an Langzeitarbeitslosen (Abb. 04033), auf der Basis der letzten Eurostat-Erfassung für das 2. Quartal 2007, den höchsten in den Alt-EU-Ländern nach Griechenland und Belgien (Abb. 04022).


Auch sonst ist im internationalen Vergleich die deutsche Arbeitslosigkeit auf dem 14. bis 16. Platz von 18 Vergleichsländern immer noch hoch, zumal alle größeren bis auf Frankreich wesentlich niedrigere Raten haben (Abb. 04068).

Angesichts des deutschen Dauertriumphes bei den Arbeitsmarktdaten sollte man die der Nachbarn zur Ernüchterung im Auge behalten.
Und hier noch einiges aus dem Kleingedruckten der Bundesagentur, das die eigenen Unsicherheiten im Umgang mit dieser Statistik zeigt:
Der Deutsche Landkreistag (DLT) beklagt jetzt eine stetig wachsende Zahl von jetzt schon 7,4 Millionen Arbeitslosen, die Hartz-IV-Empfänger mit Arbeitslosengeld II sind. Der Landkreistag kritisierte, dass die Zahl der "Hartz-IV"-Bezieher bislang auf die Langzeitarbeitslosen verengt werde. Ein-Euro-Jobber mit mehr als 15 Wochenstunden, Kranke oder Ausbildungsplatzsuchende etwa fänden sich dagegen nicht in der Arbeitslosenstatistik wieder, obwohl deren Lage oft nicht besser sei. Gleiches gelte für Erwerbstätige im Niedriglohnbereich, die zusätzlich auf ALG II angewiesen seien. DLT: "Es wird endlich Zeit, dass wir uns den vielschichtigen Problemen offen stellen und uns eingestehen, dass die Zahl der Personen wächst, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Die hohe Zahl an Hilfsbedürftigen entwickele sich gegenläufig zur sinkenden Langzeitarbeitslosigkeit und nehme beständig zu. In der aktuellen Arbeitslosenstatistik seien von den 7,4 Millionen Hartz-IV-Sozialfällen lediglich rund 2,5 Millionen Menschen erfasst. Die von der Politik verkündete positive, hoffnungsvolle Botschaft sei ein Trugbild. Es gehe nicht bergauf, ganz im Gegenteil".
9. Fazit
Ins kritische Auge springt vor allem der auch im Dezember im Vorjahresvergleich starke Aufbau an prekären Beschäftigungsverhältnissen, besonders der unsicheren Leiharbeitsverhälnisse,
und die fortgesetzte "administrativen Bereinigung", die - neben der von der Arbeitsmarktpolitik unabhängigen demographische Entwicklung - eine bessere Entwicklung vortäuscht. In einer
Nettogegenrechnung des Aufwuchses solcher prekärer Arbeitsverhältnisse und der statistischen Sonderfaktoren bleibt vom angeblichen Boom am Arbeitsmarkt viel weniger übrig. Gerade die
unsicheren zeitlich begrenzten Arbeitsverhältnisse werden teilweise sehr schnell wieder verschwinden, wenn sich die Konjunktur - wie erwartet wird - weiter abschwächt.
Im europäischen Vergleich bleibt
Deutschland bei den besonders belasteten Langzeitarbeitslosen am Ende des Vergleichsfeldes und sieht auch sonst nicht besonders aus.