Angesichts praktisch gestoppten Rückgangs der Arbeitslosigkeit, fehlenden Beschäftigungsaufbaues und fehlenden Zuwachses versicherungspflichtiger Stellen im August gegenüber Juli, im
Vorjahresvergleich starken Aufbaues an prekären Beschäftigungsverhältnissen, fortgesetzter „administrativer Bereinigung" der Statistik sowie der von der Arbeitsmarktpolitik
unabhängigen Entlastung durch die demographische Entwicklung bleibt die Arbeitsmarktentwicklung enttäuschend. Dies gilt umsomehr vor dem Hintergrund der noch vergleichsweise guten internationalen Konjunktur. Münteferings
frohe Botschaft „Wer arbeitslos ist, darf begründet hoffen, Arbeit finden zu können" ist vor allem für Langzeitarbeitslose schwer nachvollziehbar.
Auch Hinweise auf die angebliche Sommerpause täuschen.
Im europäischen Vergleich bleibt Deutschland bei den besonders belasteten Langzeitarbeitslosen am Ende des Vergleichsfeldes.
Wenn es nicht bald gelingen
sollte, bei der derzeit noch relativ guten internationalen Konjunktur einen stärkeren echten Rückgang an Arbeitslosigkeit zu erreichen, wird es im nächsten Abschwung wieder sehr
schlecht aussehen.
Zunächst ein Wort zu den unendlichen Tricks der Bundesagentur mit dem Titelbild ihres Monatsberichts. Nachdem die Arbeitslosigkeit seit Juli wieder ansteigt oder jedenfalls stagniert, hat nun die Bundesagentur zwar endlich das irreführende Titelbild mit der falschen y-Achse geändert, mit dem sie bis dahin immer irreführend einen stärkeren Rückgang suggerieren konnte, was nun aber zu ihrem Leidwesen in das Gegenteil umgeschlagen war. Das neue Titelbild des Monatsberichts soll seriös wirken und zeigt einen Computerbildschirm, auf dem allerdings nicht die sich zuletzt enttäuschend entwickelnde Arbeitslosigkeit dargestellt wird, sondern ein immer noch nach oben weisender Stellenindex (Abbildung). So schön ist die Welt der Bundesagentur!

Die Zahl der Beschäftigten hat nach der jüngsten Zahl für Juli gegenüber Vormonat um 8.000 abgenommen.
Die unbereinigten Zahl der Arbeitslosen stagnierte im August gegenüber Vormonat bei einem sehr knappen Rückgang von 0,25 %, lag aber mit 3,7 Millionen um 0,5 % über dem Tiefstpunkt vom Juni. (Abb. 04595). Die Rate des Rückgangs gegenüber der Vorjahresperiode hat sich damit, wie schon jeden Monat seit März, weiter abgeschwächt (Abb. 04751).


Saisonbereinigt ist der monatliche Zuwachs der Beschäftigung von Januar bis Juli (letzte Erhebung) immer weiter auf 0 % gesunken (Abb. 04942).

Bei der Arbeitslosigkeit errechnet sich saisonbereinigt im August ein relativ geringer Abbau der Zahl der Arbeitslosen um nur 15.000 gegenüber dem Vormonat, nachdem der Trend schon in den Vormonaten schwach gewesen war und weit entfernt von dem Abbau in früheren Zeiten (Abb. 04772). Die Trendabschwächung besteht hier schon seit Dezember 2006.

In den Worten der Bundesagentur: „Vor allem bei unternehmensnahen Dienstleistungen gab es einen kräftigen Anstieg (+6,7 Prozent bzw. +229.000), der wiederum zum größten Teil von Arbeitnehmerüberlassung getragen wird." Arbeitnehmerüberlassung ist die vornehme amtsdeutsche Umschreibung für Leiharbeit. Im Klartext: 45 % des Rückgangs an Arbeitslosigkeit und viel mehr als die Gesamtzunahme an Erwerbstätigkeit über ein ganzes Jahr entfällt bereits auf unsichere und in der Regel schlecht bezahlte Zeitverträge.
Sehr enttäuschend auch, daß die Zahl der versicherungspflichtigen Arbeitsplätze nach den letzten Zahlen für Juni gegenüber dem Vormonat mit einem Minianstieg um 17 tausend oder 0,05 % praktisch stagniert (Abb. 04008). 2,1 Mio sozialversicherungspflichtig Beschäftigte übten zusätzlich einen geringfügig entlohnten Nebenjob aus (gegenüber dem Vorjahr 188.000 mehr - ein Anstieg, der bereits etwa einem Drittel der Gesamtzunahme an versicherungspflichtigen Arbeitsplätzen entspricht), was die teilweise minderwertige Qualität auch der versicherungspflichtigen Beschäftigung zeigt.

Die Zahl der ausschließlich geringfügig entlohnt Beschäftigten, die nicht als arbeitslos gemeldet werden, liegt weiterhin sehr hoch. Sie hat nach ersten Hochrechnungen der Bundesagentur für Arbeit im Juni 4,97 Mio betragen, 121.000 mehr als vor einem Jahr. Diese Zahl allein hat das Juli-Ergebnis mit dem Rückgang von 666.000 gegenüber dem Vorjahr nicht unwesentlich aufgebessert.
Abb. 04922 zeigt, in welchem Umfang der Rückgang der Arbeitslosigkeit durch prekäre Arbeitsverhältnisse und die demographische Entwicklung bestimmt ist.

Dabei verzeichnet die Statistik trotz aller Aussortierungsmanöver, die gerade auf dieses Segment konzentriert sind, mit rund 39 % weiterhin und unverändert einen hohen Anteil an Langzeitarbeitslosen (Abb. 04033), auf der Basis der letzten Eurostat-Erfassung für das 1. Quartal 2007, den höchsten in den Alt-EU-Ländern nach Griechenland (Abb. 04022).


Auch sonst ist im internationalen Vergleich die deutsche Arbeitslosigkeit auf dem 12. Platz von 18 Vergleichsländern immer noch hoch (Abb. 04068).

Und hier noch einiges aus dem Kleingedruckten der Bundesagentur, das die eigenen Unsicherheiten im Umgang mit dieser Statistik zeigt:
Der Deutsche Landkreistag (DLT) beklagt jetzt eine stetig wachsende Zahl von jetzt schon 7,4 Millionen Arbeitslosen, die Hartz-IV-Empfänger mit Arbeitslosengeld II sind. Der Landkreistag kritisierte, dass die Zahl der „Hartz-IV"-Bezieher bislang auf die Langzeitarbeitslosen verengt werde. Ein-Euro-Jobber mit mehr als 15 Wochenstunden, Kranke oder Ausbildungsplatzsuchende etwa fänden sich dagegen nicht in der Arbeitslosenstatistik wieder, obwohl deren Lage oft nicht besser sei. Gleiches gelte für Erwerbstätige im Niedriglohnbereich, die zusätzlich auf ALG II angewiesen seien. DLT: „Es wird endlich Zeit, dass wir uns den vielschichtigen Problemen offen stellen und uns eingestehen, dass die Zahl der Personen wächst, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Die hohe Zahl an Hilfsbedürftigen entwickele sich gegenläufig zur sinkenden Langzeitarbeitslosigkeit und nehme beständig zu. In der aktuellen Arbeitslosenstatistik seien von den 7,4 Millionen Hartz-IV-Sozialfällen lediglich rund 2,5 Millionen Menschen erfasst. Die von der Politik verkündete positive, hoffnungsvolle Botschaft sei ein Trugbild. Es gehe nicht bergauf, ganz im Gegenteil".
Nachdem die Verbraucherkonjunktur nicht anspringt, und das Bruttoinlandsprodukt im 2. Quartal auf ein Jahreswachstum von nur 1 % zurückgefallen ist, konzentriert sich das Gesundbeten von Bundesregierung und vielen Medien immer mehr auf den Arbeitsmarkt, als fände hier nun die Entscheidungsschlacht zum Endsieg statt. Originalton Bundesagentur: „Der konjunkturelle Aufschwung in Deutschland hält an, auch wenn sich das Wachstumstempo im zweiten Quartal etwas vermindert hat. Der Arbeitsmarkt hat davon weiter profitiert." Natürlich ist Bundesarbeitsminister Müntefering in seiner Gesundbeterei nicht zu überbieten: „Eine Million offene Stellen - Chancen steigen. Wer Arbeit hat, darf sich ziemlich sicher sein, dass er sie behält. Wer arbeitslos ist, darf begründet hoffen, Arbeit finden zu können. Das ist die Lage und das macht Mut. Wie immer im Sommer, wenn junge Menschen aus den Schulen auf den Arbeitsmarkt kommen - jetzt im Süden des Landes -, verharrt die Arbeitslosenzahl. Insgesamt: Aus der Konjunktur wird eine Strukturverbesserung am Arbeitsmarkt." Da ist sie wieder, wie schon im Juli: die Lüge vom angeblichen Sommerloch für Leute mit kurzem Gedächtnis. Im Juli und August stieg diesmal die Arbeitslosigkeit mit addierten Monatsraten um 0,5 %, während sie im Vorjahr um 0,6 % zurückgegangen war. Nein, auf die Sommerferien läßt sich das diesmal nicht abschieben. Selbst die Bundesagentur, die ja um Ausreden nicht verlegen ist, kommt nicht mit dieser.
Auch die meisten Medien sehen alles positiv, wenn auch mit ein paar unauffälligen Abstrichen. SPIEGEL: „Noch wirkt sich die gute Konjunktur positiv auf den Arbeitsmarkt aus: Auch im August ist die Zahl der Arbeitslosen weiter gefallen - allerdings nur noch moderat." Financial Times Deutschland: „Zahl der Arbeitslosen sinkt weiter". FAZ: „Arbeitslosenzahl im August leicht gesunken." WELT: „Finanzkrise geht bislang am Arbeitsmarkt vorbei." Süddeutsche Zeitung: „Weniger Arbeitslose in Deutschland". Handelsblatt: „Die Arbeitslosenquote in Deutschland ist im August auf 8,8 Prozent gesunken. Vor einem Jahr lag die Zahl deutlich höher." Keiner der gut bezahlten Journalisten verschwendet auch nur wenige Minuten, um hinter das Gesundbeten zu blicken.
Dem Bundeswirtschaftsminister, der sonst immer die guten Nachrichten vom Arbeitsmarkt für seine Wirtschaftspolitik vereinnahmte, ist diesmal offensichtlich die Lust dazu vergangen.
9. Fazit
Ins kritische Auge springt der praktisch gestoppte Rückgang der Arbeitslosigkeit, der fehlende Beschäftigungsaufbau und fehlende Zuwachs versicherungspflichtiger Stellen im August
gegenüber Juli, der im Vorjahresvergleich starke Aufbau an prekären Beschäftigungsverhältnissen, die fortgesetzte „administrative Bereinigung" der Statistik sowie die von
der Arbeitsmarktpolitik unabhängige Entlastung durch die demographische Entwicklung. Daher ist Münteferings frohe Botschaft „Wer arbeitslos ist, darf begründet hoffen, Arbeit
finden zu können" nicht nachvollziehbar.
Auch Hinweise auf die angebliche Sommerpause täuschen.
Im europäischen Vergleich bleibt Deutschland bei den besonders belasteten
Langzeitarbeitslosen am Ende des Vergleichsfeldes.
Wenn es nicht bald gelingen sollte, bei der derzeit noch relativ guten internationalen Konjunktur einen stärkeren echten Rückgang an
Arbeitslosigkeit zu erreichen, wird es im nächsten Abschwung wieder sehr schlecht aussehen.