Die Bundesgesundheitssurvey von 1998 hat die Angst als Krankheit in Deutschland untersucht. Daraus und aus weiteren im Mai 2004 veröffentlichten Arbeiten des Robert-Koch-Instituts hat sich ergeben, daß 14 Prozent der Befragten im Alter von 18 bis 65 Jahren - hochgerechnet etwa 7 Millionen der gesamten deutschen Bevölkerung - im Zeitraum von einem Jahr unter einer klinisch relevanten Angststörung leiden (Abb. 04074), dabei Frauen doppelt so häufig wie Männer. Die Angststörungen treten in allen Altersgruppen ähnlich stark auf und werden daher als chronisch vermutet. Etwa ein Drittel der Angststörungen geht mit Depressionen einher. Die Angsterkrankung ist nach Depressionen die zweithäufigste psychische Störung in allgemeinärztlicher Behandlung. Sieben Millionen mit klinisch relevanten Angststörungen ist jedoch nur die Spitze eines Eisberges.

Über die viel weiter verbreitete „normale" oder allgemeine Hintergrundangst ist in Deutschland schon vor der letzten Welle an Globalisierung nachgedacht worden. Der Sozialpsychologe Alexander Mitscherlich hat Angst als ein Herrschaftsmittel gesehen. Die Angst vor Überflügeltwerden und Zurückbleiben durchdringe den ganzen Erlebnisbereich des Individuums in der Massengesellschaft. Er sprach von einer chronisch wirkenden Untergrundangst als Folge der industriellen Revolution und ihrer Auswirkungen. Bezeichnenderweise hat die in der Globalisierung führende angelsächsische Kultur das deutsche Wort „Angst" als Fremdwort in die englische Sprache eingeführt, wenn auch sehr oft in der speziellen Anwendung auf Deutschland als „The German Angst".
Die neue Phase der Globalisierung hat weltweit in den Industrieländern den Angstpegel erhöht. In Frankreich hat man von einer neuen großen Angstwelle des Jahrtausends gesprochen. Der Leiter der Policy Unit im Amt des britischen Premierministers und einer der wichtigsten Berater von Tony Blair, David Milliband, prägte in einem Vortrag vor der Friedrich Ebert Stiftung im Jahr 2000 den Begriff der „joyless growth economy". Die Wirtschaft verändere sich immer schneller und wachse zwar; auf die Beschäftigten kämen jedoch immer schneller, immer neue Anforderungen zu. Andere nannten es schlicht „das Zeitalter der Angst". Nach einer großen SPIEGEL-Umfrage unter 10.000 Personen vom September 2004 sehen 60 % der Befragten die Zukunft pessimistisch, d.h. weit über den 30 bis 40 %, die als normalerweise skeptisch eingestellt gelten.
Der globale Druck über die Grenzen spielt bei fast allen Angstsymptomen eine Rolle. In den Worten der Bundesregierung auf der Web-Seite des BMWA: „Die Sorge, zu den Verlierern zu gehören, schafft Unsicherheit und bei vielen Skepsis gegenüber dem Prozeß der Globalisierung." Eine vergleichende Untersuchung des Deutschen Marshall Funds in Deutschland, Frankreich, USA und Großbritannien fand 2004 heraus, daß Deutsche und Franzosen mehrheitlich stark negativ oder etwas negativ über Globalisierung denken, während die Anteilswerte für diese besorgten Meinungen in USA und Großbritannien nur bei 29 % bzw. 35 % lagen (Abb. 04073). Für zwei Drittel der befragten Deutschen nützt die Einfuhrliberalisierung vor allem den multinationalen Unternehmen, und nur 11 Prozent sahen den Hauptvorteil bei normalen Menschen und Arbeitnehmern. Das deckt sich mit Ergebnissen des Meinungsforschungsinstitut Ipsos: Mehr als 9 von 10 Befragten betrachten die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland als eine akute Bedrohung; mehr als ein Drittel beziehen sich dabei konkret auf ihren eigenen Arbeitsplatz.

Deutsche sind nach Franzosen und Belgiern innerhalb der EU am kritischsten gegenüber der Globalisierung eingestellt. Bei diesem Stichwort denkt die Mehrheit sofort an Jobverlagerung in Niedriglohnländer (Abb. 13014).

Zwei namhafte Wissenschaftler äußerten sich 2004 in Fernsehinterviews zu den Sorgen der Menschen. Professor Peter Ulrich glaubt, daß viele Menschen zwar intuitiv spürten, am neoliberalen Ökonomismus könne irgendetwas nicht stimmen, daß sie sich jedoch dem geschliffenen Jargon der ökonomischen Sachlichkeit argumentativ ohnmächtig ausgeliefert fühlten. Ähnlich sieht Professor Josef Wieland Vertrauen in die Führung des Landes zerstört. Niemand hat den Bürgern bisher überzeugend erklärt, warum man sich eigentlich allen Folgen einer global antretenden neoliberalen Politik ausliefern müsse. Bei einer Gallup-Umfrage von 2004 im Auftrag des „World Economic Forum" unter mehr als 50.000 Bürger in 60 Ländern hatten die Deutschen unter allen befragten Westeuropäern die kritischste Meinung über ihre Politiker. Zusammen mit Bürgern aus Albanien und Costa Rica hatten sie auch mit Abstand die negativste Meinung in der Welt über das ethische Verhalten der eigenen Wirtschaftsführer. Auch nach einer GfK-Studie zum Vertrauen der Bürger zu Berufsgruppen und Institutionen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft haben 85 Prozent der Westeuropäer kein Vertrauen in ihre politischen Führungskräfte. Bei weitem am wenigsten Vertrauen zeigten jedoch die deutschen Befragten und zwar sowohl in ihre politischen wie wirtschaftlichen Führungen (Abb. 04075).

Die Angst und das Mißstrauen hängen nicht zuletzt mit der Art zusammen, wie die politischen und wirtschaftlichen Institutionen mit der Globalisierung umgehen. Sie wird zutiefts als unehrlich empfunden. Da wird den Menschen eingeredet, daß Globalisierung ein unvermeidbarer Sachzwang sei, demgegenüber Politik und Wirtschaft ohnmächtig seien. Beispielsweise hat Erhard Eppler davon gesprochen, daß sich die Gestaltungsmöglichkeiten für Politik durch die Globalisierung der Märkte dramatisch verringert hätten und Politiker gar nicht mehr das leisten könnten, was die Bürger von ihnen erwarten. Oder in den Worten des Brüsseler Industriekommissars Verheugen: „Die Verlagerung von Arbeitsplätzen in billiger produzierende Länder ist nicht mehr aufzuhalten". Hier schiebt jeder die Verantwortung für die deprimierende Entwicklung auf dem deutschen Arbeitsmarkt und die unsoziale Entwicklung insgesamt von sich weg. Dabei soll die Ohnmachtsparole die Akzeptanz fördern, und tatsächlich fühlen sich die meisten Bürger ohnmächtig der angeblichen Realität ausgeliefert. Zur gleichen Zeit aber verstärken dieselben Politiker und Wirtschaftskreise in der EU oder der WTO oder der OECD oder dem IWF bewußt und gezielt die Globalisierung nach neoliberalen Rezepten.
In Großbritannien ist ein neues Buch erschienen, das die Streßbelastung in ihrer schlimmen Ausprägung als „emotional distress", also einem Notzustand, zwischen den angelsächsischen und anderen Gesellschaften vergleicht und dann noch mit der Einkommensverteilung korreliert. Die Daten zeigen, daß die angelsächsischen Gesellschaften auf Grund von Reagonomics und Thatcherism wesentliche höhere Belastungen und zugleich größere Einkommensungleichheit aufweisen (Abb. 12562, 12563).


Die Daten zu geistigen Störungen wurden meist von der Weltgesundheitsorganisation erhoben (hinzugenommen wurden weitere nationale Studien für Großbritannen Australien und Kanada, um die angelsächsischen Länder möglichst vollständig abzubilden). Die WHO erfaßte in mündlichen Haushaltsbefragungen die Situation von 60.463 Erwachsenen in 14 Ländern. Die Befragungen wurden von geschulten Kräften zwischen 2001 und 2003 durchgeführt. Im Durchschnitt zeigten mehr als ein Drittel der Befragten während ihrer Lebenszeit die Kriterien des Streßnotstands. Die Daten beschränken sich jedoch auf die Häufigkeit während der letzten 12 Monate vor der Befragung und zeigen damit niedrigere Werte.
Im Ergebnis kamen die angelsächsichen Länder auf eine durchschnittliche Häufigkeit von 21,6 %, während es bei den anderen nur 11,5 % waren.
Deutschland rangiert hier im unteren Bereich. Doch dürften sich die Verhältnisse über die acht Jahre seit der Zeit, für die die Erhebung gemacht wurde, auch in Deutschland deutlich in Richtung der angelsächsischen Werte verschoben haben, und zwar sowohl bei der Einkommensverteilung wie bei der emotionalen Belastung. So sind zwischen 2000 und 2007 nach der amtlichen Entlassungsstatistik aus Krankenhäusern die Fälle von psychischen und Verhaltensstörungen um 18 % gestiegen (Abb. 14006). Der Gesundheitsreport 2008 der Betriebskrankenkassen stand unter der Überschrift: "Seelische Krankheiten prägen das Krankheitsgeschehen". Bei Pflichtversicherten einschließlich Arbeitslosen wurden 2007 134 Arbeitsunfähigkeitstage je 100 Mitglieder durch Psychische Störungen verursacht, ein Anstieg seit 1998 um fast 40 % (Abb. 04148). Psychischen Störungen nehmen inzwischen unter den Diagnosehauptgruppen den vierten Rang ein - vor den Krankheiten des Kreislaufsystems und des Verdauungssystems.


Niemand in Europa geht so oft zum Arzt wie die Bundesbürger. In ihrer Serie „Leben in Deutschland" sprach „Die Zeit" davon, daß die Angst vor der Krankheit die Deutschen krank mache und daß sich ein Volk über seine Krankheiten definiere. Danach fühlen sich viel mehr Deutsche krank als in anderen Ländern, nämlich 19 % der über 16 Jahre alten Befragten, verglichen mit einem Gemeinschaftsdurchschnitt von nur 11 %. Dramatisch wird es bei der Altersgruppe von 65 und mehr Jahren mit 36 %, gegenüber einem Gemeinschaftsdurchschnitt von nur 26 %. Fast drei Viertel der Befragten von 65 und mehr Jahren geben an, ein chronisches Leiden zu haben, während es im Gemeinschaftsdurchschnitt wenig mehr als die Hälfte sind (Abb. 0404).


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