Von http://www.jjahnke.net/altarb.html, Version 17.7.06
Das amtliche Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit räumt es im Kurzbericht vom 5. Oktober 2005 in noch relativ vorsichtigen Worten ein: „Die
Arbeitsmarktsituation älterer Arbeitnehmer ist in Deutschland nach wie vor unbefriedigend. So konnten beim Beschäftigungsniveau der Personen im Alter von 55 bis 64 Jahren in den letzten
Jahren keine nennenswerten Fortschritte erzielt werden." Doch das ist noch eine stark verharmlosende Umschreibung. Wie schlecht die Situation in der Tat ist, zeigt in voller Schärfe erst der internationale Vergleich.
Deutschland hat die bei weitem
höchste Arbeitslosenquote Älterer und übertraf im vergangenen Jahr mit fast 13 % den Durchschnitt der Alt-EU um mehr als das Doppelte (Abb. 12185).
In den letzten Jahren ist die
Arbeitslosigkeit älterer Jahrgänge in Deutschland noch weiter angestiegen und bewegt sich nun um 1,2 Millionen (Abb. 04168).
Dabei zählen die älteren Arbeitslosen vor allem zu der sehr hohen Zahl der
Langzeitarbeitslosen (Abb. 04033). Leider berichtet die Bundesagentur nicht regelmäßig über den Anteil der Langzeitarbeitslosen unter den älteren Arbeitslosen, doch lag er nach
den letzten Zahlen für 2003 bereits mehr als doppelt so hoch als bei den jüngeren Arbeitslosen (Abb. 12189).
Nach den Zahlen der Bundesagentur für Juni 2006 haben nur 39 % der
Älteren eine Beschäftigung, verglichen mit 74 % bei den Jüngeren (Abb. 12188) und von den 39 % ging ein hoher Anteil nur einer geringfügigen Beschäftigung im Haupterwerb nach.
Die letzten spezifischen amtlichen Zahlen für September 2005 zeigen bei den Älteren 20 % in dieser Situation, während es bei den Jüngeren nur 9 % sind; in einem normalen Job sind also nur noch 31 %
derer von 55+. Der große Anteil der nicht mehr zu den Beschäftigten gezählten Älteren hat in der Regel krank oder enttäuscht aufgegeben und sich vom Arbeitsmarkt zurückgezogen.
Besonders prekär wird die Situation bei den versicherungspflichtigen Beschäftigungen, von denen die finanzielle Situation des
deutschen Sozialversicherungssystems stark abhängt. Während in der Altersgruppe der 40er noch fast 60 % einer versicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen, fällt der Anteil danach ab und erreicht bei denen zwischen 60 und 64 Jahren
gerade noch knapp 15 % (Abb. 04563). Hier rächt sich der meist erzwungene Rückzug der älteren Jahrgänge aus dem Arbeitsmarkt und deren hohe Arbeitslosigkeitsquote.
Der
niedrige deutsche Beschäftigungsanteil der Älteren fällt besonders im Verhältnis zu den skandinavischen Ländern auf (Abb. 12186, die internationalen Zahlen stimmen in
der Erfassungsbasis nicht ganz mit denen in Abb. 12188 überein).
Dabei gibt es einen starken Zusammenhang
zwischen der Beschäftigungsquote älterer Arbeitnehmer und der Höhe der Gesamtarbeitslosigkeit: Je geringer die Quote, desto höher die Gesamtarbeitslosigkeit. Dies wird durch den
internationalen Vergleich überzeugend belegt (Abb. 12184).
Nicht überraschend hängen die Beschäftigungschancen Älterer sehr von deren Qualifikation ab. Die Erfahrung in der
Alt-EU zeigt, daß bei Älteren ohne Abiturabschluß die Beschäftigungsquote nur knapp 34 % beträgt, während sie bei denen mit Abiturabschluß auf über 45 %
steigt (bei Akademikern sogar auf 64 %). Deshalb muß der Weiterbildung großes Gewicht zukommen. Aber auch hier fällt Deutschland stark hinter die führenden skandinavischen
Länder zurück. Weniger als 3 % dieser Altersgruppe sind in Deutschland an Weiterbildungsprogrammen beteiligt, gegenüber bis zu 30 % für die skandinavischen Länder (Abb.
12187).
Fazit
Man kann das Gesamtbild der Arbeitslosigkeit derer von 55+ nur als einen schrecklichen sozialen Skandal bezeichnen.
Außerdem haben die älteren Arbeitslosen kaum Chancen, den
Einschnitten ins soziale Netz wenigstens noch teilweise
durch Rückkehr in den Erwerbsprozeß auszuweichen. Ein sehr großer Teil leidet daher – zusätzlich zu den schon spürbaren
Verschlechterungen und demnächst der Mehrwertsteuererhöhung -
auch noch verstärkt unter den in Deutschland von Politik und Medien verbreiteten
Zukunftsängsten. In der Kombination dieser Faktoren bekommt das Bild eine noch tragischere Schärfe.