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Es macht Sinn, den im Infoportal häufiger aktualisierten Vergleich zwischen Deutschland und Skandinavien durch einen mit den Alpenländern Österreich und Schweiz zu ergänzen, zumal sich das Infoportal vieler Besucher aus beiden Ländern erfreut. Ein solcher Vergleich entstand vor drei Jahren, bedarf nun aber ebenfalls der Aktualisierung. Auch hier läuft vieles besser als in Deutschland und sollte daher gut beobachtet werden. Andererseits sind die Alpenländer nicht so homogen, wie es die skandinavischen sind, und das kompliziert natürlich jeden Vergleich und kann generelle Feststellungen fragwürdig machen. Auch hat vor allem die Schweiz nicht die Zerstörungen des von Deutschland ausgelösten Zweiten Weltkriegs erfahren und auch nicht eine Teilung ihres Landes.

Mich hat jedoch gereizt, gerade diesen Vergleich zu aktualisieren. Gerade Österreich ist ein durchaus zum Vergleich geeignetes Land. Gleichzeitig will ich die Ergebnisse für Skandinavien zeigen und so den deutschsprachigen Besuchern der Webseite aus dem Alpenraum auch eine Vergleichsmöglichkeiten ihrer Heimatländer mit Skandinavien bieten, wie natürlich auch den deutschen. Im Durchschnitt liegen die alpenländischen Ergebnisse zwischen den besseren skandinavischen und den schlechteren deutschen. Die zusammenfassenden Ergebnisse für die Alpenländer und für Skandinavien sind jeweils mit der Bevölkerung, den Arbeitskräften oder der Wirtschaftsleistung der verschiedenen Länder gewichtet.

Zusammen erreichen die Alpenländer mit 19,6 % der deutschen Bevölkerung eine Wirtschaftsleistung, die 26,2 % der deutschen entspricht. Die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung liegt damit um 34 % höher (Abb. 13678A).


Der Vergleich geht den einzelnen Faktoren in folgender Reihenfolge nach: Geburtenrate, Bildung, Produktivität, Steuern, Einkommen und Verbrauch, Arbeitsmarkt, Renten, Bruttoinlandsprodukt.

1. Geburtenrate und Altersdurchschnitt

Die Alpenländer haben eine um 8 % höhere Fruchtbarkeitsrate als Deutschland (Abb. 12484A). Dementsprechend ist der Anteil jüngerer Menschen unter 20 Jahren an der Gesamtbevölkerung auch um 11 % höher.


2. Bildung

Das alpenländische Bildungssystem, vor allem in der Schweiz, zeichnet sich zunächst durch eine hervorragende Finanzierung gemessen an der Gesamtwirtschaftsleistung aus, und zwar etwa um 19 % höher als in Deutschland (Abb. 12485A). Besonders auffällig ist nach OECD-Berechnungen der enorme Unterschied in den Ausgaben pro Volksschüler von fast einem Drittel mehr in den Alpenländern. Vor allem in der Grundschule ist die Zahl der Schüler pro Lehrer in den Alpenländern um fast ein Drittel geringer (Abb. 15268A). Hier baut sich der große Rückstand Deutschlands in den Bildungsleistungen frühzeitig auf.



Das deutsche Schulsystem leidet neben der Unterfinanzierung vor allem an zwei Schwachstellen: Kinder aus der unteren sozialen Schicht schneiden relativ schlecht ab, ebenso Kinder aus Immigrantenfamilien, die noch dazu in Deutschland besonders zahlreich sind. Die zweite Pisa-Studie von 2004 hat eneut belegt, daß in kaum einem anderen vergleichbaren Industriestaat der Welt der Schulerfolg so abhängig vom Familieneinkommen und der Vorbildung der Eltern wie in Deutschland ist, nur in Ungarn, Belgien und Portugal sind die Aussichten für Kinder aus sozial schwachen Familien noch schlechter. Das ist im übrigen auch das Ergebnis des Armutberichts der Bundesregierung von 2004, demzufolge Kinder von Gutverdienern eine mehr als siebenfach größere Chance, ein Studium aufzunehmen, haben als Kinder aus einem Elternhaus mit niedrigem sozialem Status, relativ wenig Chancengleichheit also.

Nach einer OECD-Berechnung ist an deutschen Schulen für Kinder aus der unteren sozialen Schicht die "Wahrscheinlichkeit" des Versagens in der Basisqualifikation Mathematik um 4,6 mal größer als für Kinder aus der Oberschicht. Dagegen liegt die Wahrscheinlichkeit in den Alpenländern nur um das Dreieinhalbfache höher; besonders Österreich hat hier ein weit besseres Ergebnis (Abb. 12486A). Auch sind die Chancen für Kinder aus der unteren sozialen Schicht, einen Hochschulabschluß zu erlangen in den Alpenländern besser als in Deutschland.


Bei Immigrantenkindern der 2. Generation sind die Schulergebnisse in mathematischer Leistung verglichen mit einheimischen Schülern in der Schweiz erheblich besser als in Deutschland, nicht dagegenin Österreich. Ebenso ist die Wahrscheinlichkeit dieser Kinder einen Hochschulabschluß zu erreichen in den Alpenländern größer (Abb. 15269A).


Im Zeitalter des globalen Wettbewerbs besonders wichtig: Die Schweiz zeichnet sich durch eine sehr viel höhere Rate an Erwachsenen im Alter von 25 bis 34 Jahren mit Hochschulabschluß aus; die von Österreich liegt deutlich unter der deutschen (Abb. 12487A).


3. Produktivität

Die Arbeitsproduktivität ist in der Schweiz etwas besser als in Deutschland, in Österreich gleich hoch (Abb. 12491A).


4. Steuern

Die Alpenländer erreichen ihre eindrucksvolle Wirtschaftsleistung (siehe unten) mit im Falle Österreich deutlich höheren, im Falle der Schweiz niedrigeren Steuerlasten (Abb. 12493A); die Abgabenquoten (Steuern und Sozialabgaben) verhalten sich ähnlich (Abb. 12494A).



Besonders die Lohnsteuer (mit Sozialabgaben) einer Einzelperson ohne Kinder als Anteil am Bruttoeinkommen ist in den Alpenländern viel niedriger, in der Schweiz um etwa die Hälfte, in Österreich fast ein Drittel (Abb. 12492A).


Dagegen sind in den Alpenländern die Einkommens- und Gewinnsteuern als Anteil am Bruttoinlandsprodukt erheblich höher (Abb. 12495A). Umgekehr sind die aus Vermögens- und Erbschaftssteuern niedriger (Abb. 12497A).



Die Unternehmenssteuern wurden aus Wettbewerbsgründen kräftig abgesenkt und liegen noch erheblich unter der neuen Steuerbelastung der Kapitalgesellschaften nach der Unternehmenssteuerreform von 2008 in Deutschland (Abb. 12496A).


Dank der höheren Einkommens- und Gewinnsteuern und ohne die Wiedervereinigungslasten ist die alpenländische Staatsschuld als Anteil am Bruttoinlandsprodukt im gewichteten Durchschnitt weniger als drei Viertel der deutschen, was vor allem an der geringen Verschuldung der Schweiz liegt (Abb. 12498).


5. Einkommen und Verbrauch

Die Löhne und Gehälter sind pro Kopf in Euro umgerechnet in der Schweiz erheblich höher, in Österreich etwas niedriger als in Deutschland (Abb. 12499A). Die Einkommensverteilung ist dabei in den Alpenländern, vor allem in Österreich gleicher als in Deutschland (Abb. 12504A).



Bei einer besseren Einkommensentwicklung (Schweiz), geringer Ungleichheit in der Verteilung der Einkommen, geringerer Lohnsteuer und geringerer Arbeitslosigkeit hat sich auch der Verbrauch privater Haushalte in den Alpenländern sehr viel besser entwickelt. Er stieg im Durchschnitt real etwa viermal stärker an als in Deutschland (Abb. 12516A). Hier liegt einer der größten Unterschied zu Deutschland.


6. Arbeitsmarkt

Der Schweiz ist es wesentlich besser gelungen, Frauen und Ältere in Beschäftigung zu bringen. Bei Österreich ist die Frauenbeschäftigung etwa auf gleichem Niveau, die Beschäftigung Älterer erheblich niedriger als in Deutschland (Abb. 12507A).


Den eigentlichen Erfolg gegenüber Deutschland verzeichnen die Alpenländer bei der Arbeitslosenquote. Die Langzeitarbeitslosigkeit ist um 70 % niedriger (Abb. 12509A), die Arbeitslosigkeit insgesamt um 44 % (Abb. 12508A). Dabei schneidet die Schweiz noch etwas besser als Österreich ab. Hier zeigt sich, wie erst recht im Vergleich mit Skandinavien, die bittere Kehrseite des deutschen Modells mit gedrosselten Arbeits- und Renteneinkommen, einer viel schlechteren Verbraucherkonjunktur und unzureichenden Investitionen in die Bildung, vor allem in der Grundschulstufe.



7. Renten

Ungünstig schneidet Deutschland auch im Vergleich bei den Renten ab (Abb. 12513A). Beim Vergleich der kleineren Nettorenten mit den jeweils letzten Netto-Arbeitseinkommen liegen die Alpenländer in der Rentenquote um 40 % vorn. Auch das erklärt die bessere Binnenkonjunktur.


8. Bruttoinlandsprodukt

Im Zeitraum 2000 bis 2009 hat sich das alpenländische Bruttoinlandsprodukt fast dreimal so gut als das deutsche entwickelt (Abb. 12510A und 12511A).



Das ist ebenfalls ein überzeugender Beweis für einen Wohlstandskurs, der aufbaut auf: höheren Einkommens- und Gewinn-Steuern (bei niedrigerer Lohnsteuer), einem besseren Bildungssystem, höheren Arbeits- und Renteneinkommen, einer besseren Integration der Frauen sowie der Immigrantenkinder in den Arbeitsmarkt. Der Vorteil zeigt sich nicht zuletzt auf dem Arbeitsmarkt. Mit dieser Entwicklung haben die Alpenländer sogar die skandinavischen geschlagen, was an der relativ stagnierenden Entwicklung Dänemarks liegt.

Fazit: Die Alpenländer übertreffen Deutschland in den meisten Kriterien, teilweise sogar sehr erheblich. Das ist hier noch einmal in tabellarischer Form zusammengefaßt:


(1) Rückstand in mathematischen Leistungen verglichen mit Einheimischen

(2) Wahrscheinlichkeit eines Hochschulabschlusses

(3) Wahrscheinlichkeit des Versagens in Mathematik verglichen mit Oberschichtkindern

(4) Wahrscheinlichkeit Hochschulabschluß Oberschicht zu Unterschicht

(5) Einzelperson ohne Kinder (Anteil an Bruttoeinkommen)

(6) Anteil Erwachsene 25-34 Jahre mit Hochschulabschluß

(7) Verhältnis oberstes zu unterstes Fünftel

(8) 55 bis 64 Jahre

(9) Verhältnis Rente zum letzten Arbeitseinkommen


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