Moritz Koch, Süddeutsche Zeitung v. 18. August 2007: Die Arbeit geht, das Elend bleibt Die internationale Textilindustrie hat Afrikas Regierungen gegeneinander ausgespielt - nun kehrt sie dem Kontinent den Rücken
Einem militärischen Sperrgebiet gleich erstreckt sich das Gelände der Textilfabrik Ramatex vor den Toren der namibischen Hauptstadt Windhoek. Stacheldraht und Scheinwerfermasten umzäunen das Grundstück. Sicherheitsleute schieben Wache an der Zufahrt. Dahinter liegen die flachen Werkshallen wie Kasernen in der kargen Hügellandschaft. Ein Heer von Arbeitern schuftet hier, vornehmlich Frauen aus dem nahe gelegenen Armenviertel Katutura. Sie hocken um die Produktionstische. Spinnen, schneiden, nähen, bügeln dicht an dicht. 45 Stunden pro Woche. Für 80 Euro im Monat. Ramatex ist der größte Arbeitgeber des Landes - und gleichzeitig der meistgehasste.
Proteste begleiten das Unternehmen, seit es 2002 seine Hallen in Namibia aufbaute. Proteste gegen Hungerlöhne, Umweltschäden und Missachtung des Arbeitsrechts. Immer wieder legten Streiks den Betrieb lahm. Ramatex reagierte und verlagerte Teile der Produktion nach Asien. Von den 9000 Jobs, die das malaysische Unternehmen in Namibia schuf, sind heute nur noch 3000 übrig.
Kaum eine andere Industrie ist so mobil wie die moderne Textilbranche. Maschinen und Werkshallen werden nach einem Baukastensystem gefertigt. Sie können in Windeseile auseinandergeschraubt, in Container verpackt und verschifft werden. Billige Arbeitskräfte und günstige Rahmenbedingungen bieten viele Länder. Ramatex und andere Konzerne haben die Wahl - und damit die Verhandlungsmacht.
Verzweifelte Job-Suche
Im südlichen Afrika zeigt sich der Einfluss internationaler Textilfirmen besonders deutlich. Selbst in wirtschaftsfreundlich regierten Staaten wie Lesotho, Sambia, Mosambik, Madagaskar und Namibia suchen die Menschen verzweifelt nach Beschäftigung. Die Arbeitslosenquote in der Region liegt bei mehr als 30 Prozent. Weil es an heimischen Firmen mangelt, reißen sich die afrikanischen Regierungen um die Gunst ausländischer Investoren, insbesondere aus der arbeitsintensiven Textilbranche. Schon eine einzige Textilfabrik kann mehr junge Slumbewohner beschäftigen als der gesamte, für die afrikanischen Volkswirtschaften so bedeutsame Bergbausektor.
Es ist ein unerbittlicher Wettbewerb. Die Regierungen übertreffen sich mit großzügigen Geschenken, bauen maßgeschneidert Straßen, verlegen Strom- und Wasseranschlüsse oder erlassen den umworbenen Firmen ihre Steuerschuld. Gleichzeitig unterbieten sie sich bei Umwelt- und Sozialstandards. Mindestlöhne werden außer Kraft gesetzt, Arbeitszeitregeln gedehnt, Verschmutzungen in Kauf genommen. "Die Konzerne verstehen sich darauf, Regierungen gegeneinander auszuspielen", sagt Herbert Jauch vom namibischen Arbeitsforschungsinstitut, der die afrikanische Textilindustrie für die Friedrich-Ebert-Stiftung untersucht hat. "Von der regionalen Solidarität, die die Afrikaner gern beschwören, bleibt in der Realität kaum etwas übrig."
So auch im Fall Ramatex: Ursprünglich planten die Malaysier, ihren Standort in Südafrika auszubauen. Doch die Regierung von Madagaskar buhlte ebenfalls um die Gunst des Textilriesen. Als die Geschäftsführung zögerte, schlug die Stunde der namibischen Regierung. Sie köderte die Malaysier mit einem Investitionspaket in Höhe von zehn Millionen Euro. Sie ließ Straßen, Strom- und Wasserleitungen verlegen. Sie verpflichtete die Stadtverwaltung von Windhoek, ein riesiges Grundstück zum Spottpreis anzubieten. Sie drängte die Versorgungsunternehmen, die Strom- und Wasserpreise für Ramatex zu senken. Sogar das strenge Ausländerrecht lockerte sie und erlaubte dem Konzern, Hunderte asiatische Fachkräfte einzufliegen. Derart großzügig beschenkt, beschloss Ramatex, gleich die gesamte südafrikanische Produktion nach Namibia überzusiedeln. Seither fertigt sie in Windhoek billige Hosen, Hemden, Pullis und Blusen für das US-Kaufhaus Wal-Mart.
Als Umweltschützer entdeckten, dass die Bleichmittel der Fabrik das knappe Grundwasser verseuchten, hielten sich die Behörden zurück. Ebenso, als Gewerkschafter gegen die Kasernierung von Bangladeschern protestierten, die in einem verdreckten Sammellager hausten. Als Gegenleistung hoffte Namibias Regierung auf sichere Arbeitsplätze. Ein Wunschtraum, wie sich nun herausstellt.
"Warum wir zwei Drittel unserer Arbeitsplätze abgebaut haben?" Boon Keong Ong kneift die Augen zusammen. Der Chinese ist der Geschäftsführer von Ramatex in Namibia. "Weil sich die Afrikaner nicht anstrengen. Sie sind unmotiviert und abgelenkt. Nicht effizient. Und ihre Gewerkschaften sind ein Desaster." Herr Ong hat nicht verwunden, dass die Arbeiter vergangenes Jahr eine kräftige Lohnerhöhung erstreikt haben. Er sitzt in einem schmucklosen Konferenzraum, hinter ihm hängen Pullis in einer Glasvitrine. Hier im Westen Windhoeks sind zwei Welten aufeinandergeprallt: das boomende Asien und das verarmte Afrika. Das Arbeitsethos der Asiaten können die Namibier nicht kopieren. "Ong ist ein Ausbeuter", klagt Kiros Sackarias, Generalsekretär der Gewerkschaft Food and Allied Workers Union. "Er hat keinen Respekt vor der Würde seiner Arbeiter."
Schützende Schranken
Dass sich asiatische Textilfirmen überhaupt in Afrika niederließen, war eine Konsequenz aus der Regulierung des Welthandels. Eigentlich sind die Bedingungen für die Produktion von Textilien in Asien weitaus günstiger. Die Arbeitszeiten sind länger, die Löhne niedriger, die Arbeiter besser ausgebildet. Speditionen liefern pünktlicher und Gewerkschaften existieren oft nur auf dem Papier. Doch über Jahrzehnte regulierte ein starres Quotensystem den Handel mit Textilien, das asiatische Exporte beschränkte. Afrikanische Länder durften Marktnischen bedienen, die die effizienteren Asiaten nicht erreichen konnten. Also gründeten fernöstliche Textilkonzerne Tochterfirmen in Afrika. Bis Anfang 2005 die schützenden Handelsschranken fielen, hinter denen sich die afrikanische Branche entwickelt hatte.
Viele Experten sagten den sofortigen Zusammenbruch der afrikanischen Textilindustrie voraus. Tatsächlich schrumpfte die Produktion zunächst rapide. In Südafrika gingen innerhalb von zwei Jahren 55 000 Jobs verloren. Dann erließen EU und USA neue Importobergrenzen für Kleidungsstücke aus Asien. Der afrikanischen Textilproduktion gewährten sie so eine Gnadenfrist.
Die neuen Handelsschranken stehen rechtlich auf brüchigem Fundament. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird die WTO sie wieder kippen. Als letzter Standortvorteil bliebe einigen afrikanischen Ländern dann noch die Zollfreiheit, die ihnen EU und USA aus entwicklungspolitischen Gründen gewähren. Wird sie reichen, um Defizite bei der Logistik, der Ausbildung und den Lohnkosten auszugleichen? Ja, glauben die Experten der auf den Textilsektor spezialisierten Beratungsfirma ComMark. Mit seinen arbeitnehmerfreundlichen Gesetzen könnte sich Afrika als "ethische Alternative" für europäische und amerikanische Handelsketten etablieren, die Negativschlagzeilen über die Beschäftigung asiatischer Lohnsklaven vermeiden wollten.
"Ramatex hat diese Chance leider vertan", sagt Arbeitsforscher Jauch. "Zu stark beflecken die Berichte über die Wasserverschmutzung und die katastrophale Unterbringung der Gastarbeiter das Firmenimage." Die Tage des Konzerns in Namibia sind ohnehin gezählt. Manager Ong bereitet den Abzug vor. "Uns bleibt nichts anderes übrig", schimpft er, während er in einer Werkshalle an schwarzen Arbeiterinnen vorbeischreitet. "Die Afrikaner verstehen nichts von Wirtschaft."
Mit der schrittweisen Schließung der einzigen Textilfabrik in Namibia stirbt nicht nur ein Industriezweig, sondern ein Entwicklungsmodell. Der Aufbau einer Textilindustrie war der Versuch, sich von Rohstoffexporten unabhängig zu machen. Hosen und Hemden sollten den Übergang von der Agrar- in die Industriegesellschaft ebnen. Die Strategie stützte sich auf die Erfahrungen aus anderen Erdteilen. Doch in Namibia war die Entwicklung völlig anders. Der Stacheldraht um das Firmengelände weist darauf hin: Ramatex ist eine Enklave geblieben, isoliert von der restlichen Wirtschaft, ein Auftraggeber lediglich für ein paar Spediteure, die die Stoffe zur Fabrik und die Kleidung zum Hafen bringen. Für sie könnte es bald sogar einen Großauftrag geben - wenn die Werkshallen und Maschinen in das nächste Land verschifft werden.
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