Schwerpunktthema auf jjahnke.net - zuletzt aktualisiert: 23/11/2007 09:37 -
Bücher zur Webseite: "Falsch globalisiert (Mai 2006)
und "Deutschland global" (2005)
Gesamtentwicklung
Das als Erfolg gefeierte Quartalswachstum von 0,7 % gegenüber dem 2. Quartal errechnet sich aus des letzteren besonders schlechten Entwicklung. Schaut man sich dagegen den Vorjahresvergleich an, so ergab sich auch im 3. Quartal eine weitere Wachstumsabschwächung. Diese Tendenz hält nun bereits seit dem letzten Quartal 2006 an (Abb. 14003). Haupttriebkäfte im Vergleich zum Vorjahr waren der Export und die Bruttoanlageninvestitionen mit einem steuerlich bedingten Vorziehfaktor und einem Lageraufbau.

Die wesentlichen Ergebnisse im Vergleich zum 2. Quartal 2006 sind in Abb. 04305 zusammengestellt. Die mittelfristige Entwicklung nach Quartalen ist in Abb. 04004 aufgezeigt.


Um den Trend der Wirtschaftsentwicklung über die vergangenen sieben Jahre herauszuarbeiten, sind in Abb. 04939 die Quartalswerte auf gleitender 4-Quartals-Basis dargestellt, was die Ausschläge der Quartalswerte beruhigt und auch bei den Einkommenskurven eine saisonale Bereinigung schafft. Dabei zeigt sich sehr deutlich, daß eine Aufwärts-Dynamik nur bei den Unternehmens- und Vermögenseinkommen sowie, damit zusammenhängend, der gestiegenen Sparquote festzustellen ist. Die anderen Werte, nämlich Nettolöhne und -gehälter, Konsum privater Haushalte und Bruttoanlageninvestitionen verharren um den Wert des Jahres 2000 (die Nettolöhne und -gehälter sogar deutlich darunter).

Im EU-Vergleich landet Deutschland nur gegen Ende des Vergleichsfeldes (Abb. 12914).

Es folgt eine kurze Analyse in logischer Abfolge:
1. Negative Entwicklung der realen Einkommen
Die Nettolöhne und -gehälter stagnierten im Vorjahresvergleich nach Abzug der Entwicklung der Verbraucherpreise bei einem knappen Plus von 1 % (Abb. 04054) und gingen je Arbeitnehmer um 0,7 % zurück. Über den ganzen Zeitraum seit 2000 sind die Nettolöhne und -gehälter um 3,7 % gesunken, während die Unternehmes- und Vermögenseinkommen nach Abzug der BIP-Inflation um 52 % expandiert sind.

Der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am deutschen Volkseinkommen hat gegenüber dem Vorjahr weiter abgenommen und läuft nun schon seit 2000, d.h. im siebten Jahr, zurück (Abb. 04797); dies läßt sich auch an der längerfristigen Entwicklung ablesen (Abb. 14007).

Die Arbeitseinkommen haben sich schon im vergangenen Jahr nirgends so schlecht wie in Deutschland entwickelt - eine Situation, an der sich im 2. Quartal 2007 wenig geändert haben dürfte (Abb. 13233).
Der Produktivitätszuwachs hielt an (Abb. 04730). Umso unsozialer ist dessen einseitige Verteilung an die Kapitaleigner. Die Produktivität hat über die letzten 7 Jahre schon um 14 % zugelegt, wovon die Arbeitnehmer nichts in ihren Lohntüten gesehen haben (Abb. 04728).


Selbst in der besser entlohnenden gewerblichen Wirtschaft zeigt sich für den letzten Monat September das alte Bild gebremster Entgelte bei wesentlich höherer Produktivität. Das spricht auch für die Zunahme der Beschäftigung durch schlecht bezahlte und zeitlich befristete Jobs (Abb. 04009). Bereinigt um die Kaufpreisentwicklung stagnierte das Entgelt pro Arbeitsstunde total. Die Sozialleistungen, Renten (bis auf eine minimale Erhöhung), Beamtenbezüge und Versorgungsgelder des öffentlichen Dienstes stagnieren nominal ohnehin weiter und verzeichnen real die Auszehrung durch eine Inflationsrate.

Nicht überraschend nehmen in dieser Situation die Verbraucherinsolvenzen in Deutschland immer mehr zu. Sie stiegen nach letzten Angaben die ersten 8 Monate 2007 um mehr als 17 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum (Abb. 04028).

2. Verhaltene Entwicklung der Verbraucherkonjunktur
Nicht zuletzt wegen der schlechten Entwicklung der nahmen die Konsumausgaben nur um knappste 0,1 % zu (Abb. 04055). Wenn man berücksichtigt, daß das wegen der MWSt-Vorzugseffekte ungewöhnlich schwache 1. Quartal 2007 zu Nachholeffekten im 2. und 3. Quartal führen mußte, so kann man daraus keinen Boom ablesen. Der reale Zuwachs der letzten 4 Quartale gegenüber den vorangegangenen 4 Quartalen beträgt jedenfalls nur 0,4 %. Der Trend der Quartalswerte seit dem Jahr 2000 ist negativ (Abb. 14010). Unter schwacher Verbrauchernachfrage litt auch der Automobilmarkt (Abb. 04789).



Das Volumen der Baugenehmigungen im Wohnbau ist weiter gefallen. Allein in Januar bis September war es fast ein Drittel weniger als im Vorjahr (Abb. 04925).

Die anhaltend schlechte Verbraucherkonjunktur spiegelt sich in der schwachen Entwicklung der Einzelhandelsumsätze. Der längerfristig negative Trend hält an (Abb. 04943). Unsere EU-Partner zeigen da ein ganz anderes Bild (Abb. 12378).


3. Investitionstätigkeit
Die Bruttoanlageninvestitionen sind wieder angestiegen, liegen aber in gleitenden 4-Quartals-Schritten immer noch auf dem Niveau zu Beginn des Jahres 2000 (Abb. 04029). Allerdings ist dieser Schub zum größten Teil auf den Lageraufbau zurückzuführen. Das ist eine Hypothek für das vierte Quartal, weil die Unternehmen erst einmal versuchen werden, die Lager wieder abzubauen und die Produktion daher eher zurückfahren werden.

Hinzu kommt noch, daß die Investitionen in diesem Jahr z.T. vorgezogene sind, da sich im nächsten Jahr mit der Steuerreform die Abschreibungsmöglichkeiten verschlechtern. Wir erleben gerade eine ähnliche Entwicklung bei der MWSt. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger hat errechnet, wer in diesem Jahr eine Million Euro investiert, kommt um 90.000 Euro besser weg als bei einer gleich großen Investition im Jahr 2008. Das ist seiner Meinung nach „mit ein Grund für den derzeitigen Boom". Es spräche einiges dafür, daß die Investitionen im kommenden Jahr an Dynamik verlören.
4. Wirtschaft nur auf dem Zylinder des Exports
Kalender- und saisonbereinigt nahmen die Ausfuhren im letztgemeldeten Monat Juni gegenüber Mai 2007 noch einmal um 2,1% und die Einfuhren um 6,7% zu, so daß der Überschuß zurückfiel. Über die ganze Periode seit September 2006 kam es kaum noch zu einem Exportanstieg. Noch bringt der deutsche Außenhandel jedoch hohe Überschüsse ein, vor allem mit der Eurozone, in der die deutschen Unternehmen die gedrückten Stücklohnkosten ohne die Gefahr von Wechselkursanpassungen ausspielen können. Deutschlands Volkswirtschaft hat sich dabei über die letzten Jahre immer abhängiger vom Export gemacht, was sich angesichts der Konjuntkurabschwächung, vor allem auf den beiden wichtigsten Absatzmärkten USA und Frankreich, schnell rächen kann. Abb. 04940 verdeutlicht, wie die deutsche Wirtschaft zuletzt fast nur noch über den Aussenbeitrag wächst.

Fazit
Die Entwicklung im 3. Quartal hat
angesichts der dunklen Wolken am weltwirtschaftlichen Horizont nur die Qualität eines Blicks in den Rückspiegel. Trotz eines manierlichen Quartalswachstums sind einige tiefschwarze Flecken
nicht zu übersehen:
» einer immer ungleichere Verteilung der Einkommen,
» eine enorme Abhängigkeit von dem bei
dramatischer Euroaufwertung immer unsicher werdenden Export,
» einer weiter stagnierenden Verbraucherkonjunktur,
» viele im internationalen Vergleich negative Daten.
Wieder wird in der Presse sehr unsauber oder tendenziös berichtet.
Bestes Beispiel ist der SPIEGEL Online: „Deutschlands Verbraucher sind aufgewacht. Die heimische Wirtschaft ist im dritten Quartal aus eigener Kraft gewachsen, die lange zurückhaltenden
Konsumenten sorgten für einen kräftigen Schub." Und dazu ein Photo eines vollen Einkaufshauses! Schön wärs!
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Hinweis auf mein neues Buch: Falsch globalisiert, 232 Seiten, 250 Abbildungen, € 14,80
- ist im Mai im vsa-Verlag als Taschenbuch erschienen (ISBN 3-89965-193-6). Das Buch greift 30 der wichtigsten Schwerpunkte in
aktualisierter Form auf. Neue Rezension in FR. 16 wichtigste Schaubilder hier stets aktualisiert (auch Korrekturen).
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