Schwerpunktthema auf jjahnke.net - zuletzt aktualisiert: 14/11/2006 09:37 -
Bücher zur Webseite: "Falsch globalisiert (Mai 2006)
und "Deutschland global" (2005)
Nun liegen die amtlichen Einzelwerte der Wirtschaftsentwicklung im 3. Quartal 2006 vor. Bundeskanzlerin Merkel sieht Deutschland ein Jahr nach dem Start der Großen Koalition im Aufschwung. Zum Auftakt der Aussprache zum Bundeshaushalt 2007 sagte sie gestern im Parlament, die Wirtschaft wachse so stark wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr: "Nach Jahren der Stagnation befindet sich das Land wieder im Aufschwung". Als einen Verdienst lobte Merkel die Reduzierung der Zahl der Arbeitslosen um rund 500.000.
Bei genauer Betrachtung allerdings hat Deutschlands Wirtschaft im Verlaufe dieses Jahres vor allem von der durch die drohende MWSt-Erhöhung zu Lasten des nächsten Jahres beförderten Binnenkonjunktur profitiert sowie von einem Dank deutschen Lohndumpings in der Eurozone und einer guten Entwicklung der Absatzmärkte florierenden Export. Hinter diesem Vordergrund hat Deutschland seinen einsamen Sonderweg in die wirtschafts- und sozialpolitische Sackgasse im Wesentlichen fortgesetzt. Die Kombination von fünf Faktoren ist sonst nirgendwo in der Welt unter vergleichbaren Ländern anzutreffen und damit eine einmalige deutsche Mischung:
- (1) negative Entwicklung
der realen Einkommen von Arbeitnehmern, Beamten, Arbeitslosen und Rentnern,
- (2) immer noch unbefriedigende Binnenkonjunktur,
- (3) immer noch - gemessen an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes - zu
geringe Investitionstätigkeit,
- (3) infolge der verhaltenen Lohnentwicklung hoher Außenhandelsüberschuß mit der Eurozone, in der die Partner nicht mehr abwerten können,
- (4) anhaltende Massenarbeitslosigkeit und
- 5) ständige Verunsicherungskampagne an die Adresse der Verbraucher mit Alarmmeldungen zu Renten, Sozialleistungen und Steuern.
Die wesentlichen Ergebnisse im Vergleich zum 3. Quartal 2005 sind in Abb. 04305 zusammengestellt. Die mittelfristige Entwicklung nach Quartalen ist in Abb. 04004 aufgezeigt.


Hier die Zahlen im Überblick:

Es folgt eine kurze Analyse in logischer Abfolge:
1. Negative Entwicklung der realen Einkommen
Die Nettolohn- und -gehaltssumme ist nach Abzug der Inflationsrate gegenüber der Vorjahresperiode weiter zurückgegangen. Dagegen haben die Unternehmens- und Vermögenseinkommen auch im 3. Quartal 2006 gegenüber Vorjahr zugenommen (Abb. 04054). Die soziale Schere öffnet sich immer weiter. Im Ergebnis hat der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen weiter abgenommen (Abb. 04027).


Die Netto-Verdienste der Arbeitnehmer entfernten sich im 3. Quartal 2006 gegenüber Vorjahreszeitraum mit einem realen Minus von 1,2 % noch weiter von der Produktivität, die im selben Zeitraum um 1,4 % anstieg. Nicht überraschend nehmen in dieser Situation die Verbraucherinsolvenzen in Deutschland immer mehr zu. Sie stiegen in Januar - August um weitere 39 % gegenüber Vorjahreszeitraum und dürfen in diesem Jahr mit etwa 100.000 die Bevölkerung einer Großstadt erreichen (Abb. 04028).

Die Einkommensverteilung wird international nach einer vom italienischen Statistiker Corrado Gini entwickelten Methode bestimmt. Dabei bedeutet die Zahl 0 eine perfekte Gleichheit, während die Zahl 1 vollständige Ungleichheit ausweist. Nach neuen Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung stieg der Koeffizient von 0,26 in 1997 auf 0,29 in 2005 stetig an. Das gleiche gilt für das so genannte 80/20-Verhältnis, das anzeigt, wieviel mehr das oberste Einkommensfünftel gegenüber dem untersten verdient (Abb. 03455). Damit waren die Einkommensunterschiede im wiedervereinigten Deutschland noch nie so groß wie heute.

2. Stagnierende Binnenkonjunktur
Nicht zuletzt wegen der schlechten Entwicklung der Kaufkraft stagnierte die Nachfrage der privaten Haushalte, von der die deutsche Konjunktur maßgeblich abhängt, weiter um den Wert, den sie vor 6 Jahren erreicht hat, und ist auch im 3. Quartal selbst dem Druck der drohenden Mehrwertsteuererhöhung verhalten geblieben (Abb. 04055). Dabei litt unter der schwachen Nachfrage besonders die Konsumgüterindustrie (Abb. 04306).


Der Einzelhandelsumsatz hat sich trotz drohender Mehrwertsteuererhöhung in den letzten drei Monaten bis September negativ entwickelt (Abb. 04214). Im EU-Vergleich war die negative deutsche Entwicklung im September nur noch von Belgien untertroffen (Abb. 12191).


Mit preisbereinigt minus 4,6 % ist auch der Inlandsumsatz der deutschen Industrie im September gegenüber Vorjahr erheblich zurückgegangen, selbst wenn das Statistische Bundesamt in seiner Mitteilung auf den einen Arbeitstag weniger im September 2006 verweist, der nur einen Rückgang um 4,1 % erklären würde, so daß sich immer noch ein Netto-Minus von 0,5 % ergeben würde (Abb. 04009).

Der in die Zukunft weisende Inlands-Auftragseingang der deutschen Konsumgüterindustrie zeigt schließlich ebenfalls eine sehr müde Entwicklung (Abb. 04569).

3. Mangelnde Investitionstätigkeit
Die Bruttoanlageninvestitionen sind in den letzten Quartalen wieder angestiegen, liegen aber immer noch um 4 % unter dem Niveau des Jahres 2000 (Abb. 04029). Vergleicht man die deutsche Entwicklung über die letzten fünf Jahre mit der vergleichbarer Länder, so zeigt sich der große angesammelte Rückstand sehr deutlich (Abb. 12242).


Eigentlich sollte bei der relativ hohen deutschen Sparquote und den sprudelnden Unternehmensgewinnen genug Investitionskapital vorhanden sein. Doch die deutschen Unternehmen haben den Anteil der Netto-Investitionen am in der Volkswirtschaft verfügbaren Einkommen drastisch von etwa 5,3 % in 2000 auf nur noch 2.0 % in den letzten 12 Monaten abgesenkt (Abb. 04583). Die Bundesbank spricht deshalb von einer "Unterinvestition" in Deutschland.

4. Bruttoinlandsprodukt weiter international enttäuschend
Die unbefriedigende Binnenkonjunktur trägt auch die Hauptverantwortung für eine im internationalen Vergleich wenig eindrucksvolle Entwicklung der gesamten wirtschaftlichen Leistung im 3. Quartal 2006, die - trotz der deutschen Sondereffekte von Fußballweltmeisterschaft und drohender Mehrwertsteuererhöhung - im hinteren Feld rangierte (Abb. 13082).

Dabei hat sich die Zuwachsrate des deutschen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorquartal praktisch halbiert (Abb. 04638).

Besonders stark zurückgefallen ist das Wachstum der inländischen Verwendung des Bruttoinlandsprodukts, nämlich auf eine Stagnationsrate von 0,2 %. gegenüber Vorquartal (Abb. 04644).

Wie kann der Bundeswirtschaftsminister da in seiner heutigen Presseerklärung verlauten lassen: "Die ausführlichen Ergebnisse zur Wirtschaftsleistung im dritten Quartal, die das Statistische Bundesamt heute veröffentlicht hat, belegen, dass die Wirtschaft gegenwärtig in guter Verfassung ist und der Aufschwung an Substanz gewonnen hat. Er erhält Impulse sowohl vom Ausland als auch aus dem Inland."?
5. Hoher Außenhandelsüberschuß - aber Wolken am weltwirtschaftlichen Horizont
Die negative Entwicklung bei den deutschen Arbeitseinkommen ist der Hauptgrund für die deutschen Exportüberschüsse, die nun bereits zu 66 % aus der Eurozone kommen, bei der ausgleichende Währungsveränderungen nicht mehr möglich sind, und zu weiteren 30 % aus der zum großen Teil dem Euro folgenden Rest-EU (Abb. 06037). Deutschland stützt so seine eigene Konjunktur, schadet aber der konjunkturellen Entwicklung seiner EU-Partner erheblich, indem es in diesem Jahre etwa 6 % seines Bruttosozialprodukts aus dem Außenbeitrag zu Lasten seiner EU-Partner erwirtschaften wird.

Das kann also schnell zum Bumerang werden und der deutsche Überschuß macht Deutschland ohnehin besonders verwundbar bei negativen Entwicklungen in der Weltwirtschaft. Das Nullwachstum im dritten Quartal bei Frankreich und die erhebliche Abschwächung der amerikanischen Konjunktur, also bei den Abnehmerländern Nr. 1 und 2 für deutsche Waren, zeigen dies deutlich. Die Aussichten für den deutschen Export trüben sich damit weiter ein, zumal der US Dollar immer weiter nachgibt (in diesem Jahr schon um 9 %).
6. Was wird aus 2007?
In zwei Bereichen zeigen sich schon jetzt sehr deutlich die Vorzieheffekte der drohenden Steuererhöhungen. Bei Kraftfahrzeugen ergab sich für den Zeitraum Januar bis September ein Umsatz-Plus von 3,6 %. Die im September 2006 stark gestiegenen Auftragseingänge (+22% gg. Vj.) deutscher Automobilhersteller deuten ebenfalls auf einsetzende Vorzieheffekte hin. Bestätigt wird dies durch einen Anstieg der privaten Neuzulassungen im September um 5,7% gg. Vj. Ähnlich vorgezogen entwickelte sich die Baukonjunktur. Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, wurde von Januar bis September 2006 12,6% mehr Baugenehmigungen als im entsprechenden Vorjahreszeitraum erteilt. Die Zunahme bei den Eigenheimen ist insbesondere die Folge der Abschaffung der Eigenheimzulage. Schon jetzt deutet sich allerdings ein starker Rückgang an (1. Quartal: + 34,4%, 2. Quartal: + 9,6% und 3. Quartal: - 6,4%). Abb. 04642 zeigt sehr deutlich, wie das drohende Ende der Eigenheimzulage die Baugenehmigungen zeitweise aus dem Keller holte, bevor seit Mitte des Jahres der Abschwung wieder eingesetzt hat. Dementsprechend lagen auch die Aufträge im gesamten Hoch- und Tiefbau im September um 3,6 % unter dem Vorjahreswert.

Aber was passiert dann mit der deutschen Konjunktur in 2007? Hierzu gibt es eine neue Prognose von Deutsche Bank Research. Sie zeigt sehr deutlich den Vorzieheffekt durch die MWSt in der Entwicklung des deutschen Bruttoinlandsprodukts, aber auch wie viel schlechter 2007 mit einer Jahreszuwachsrate unter 1 % ausfallen wird, vor allem verglichen mit den G7-Ländern, deren sehr viel leichterer Abschwächungseffekt weitgehend auf die deutsche Situation zurückzuführen ist (Abb. 04640). Nimmt man für Deutschland dann die Entwicklungen in beiden Jahren 2006 und 2007 wie prognostiziert zusammen, so errechnet sich nur eine recht bescheidene Zuwachsrate von ein bis zwei Prozent und zu wenig, um dem Arbeitsmarkt einen dauerhaften Auftrieb zu geben.

7. Anhaltender Massenarbeitslosigkeit
Das Bedrückendste an der deutschen Konjunkturlage ist weiterhin die anhaltende Massenarbeitslosigkeit. Die deutsche Arbeitlosenquote ist immer noch eine der höchsten vergleichbarer Länder (Abb. 04068), und die Langzeitarbeislosigkeit ist die höchste überhaupt.

Die Zahl der Langzeitarbeitslosen mit einem Anteil von 43,8 % aller Arbeitslosen oder rund 1,9 Millionen lag im Oktober immer noch um fast 5 % über dem Vorjahreswert, wobei diese Daten aus dem IT-Vermittlungssystem der BA hochgerechnet werden müssen (Abb. 04033).

Die von Bundesregierung und Medien gefeierte angebliche Wende am Arbeitsmarkt auf der Basis der Oktober-Zahlen dürfte zu einem sehr großen Teil auf dem Wechsel der Arbeitslosen in nicht vollwertige Jobs sowie aus statistischen Effekten von Nicht-Mehr-Zählung beruhen (Abb. 04628).

Die in Stunden ausgedrückte Arbeitsmenge der abhängig Beschäftigten hat nach jahrelangem Abstieg in diesem Jahr wieder zugenommen, jedoch hat sich die Quartals-Zuwachsrate im 3. Quartal gegenüber der vom 2. Quartal halbiert (Abb. 04639) und ist der geringe Anstieg im Wesentlichen auf mehr geringfügig entlohnte und unsicherere Beschäftigungen zurückzuführen.

Ebenso zeigt die saisonal korrigierte Entwicklung über das Jahr, daß der Rückgang der Arbeitslosigkeit durchaus nicht gleichmäßig fortschreitet sondern immer wieder von Schwächeperioden unterbrochen wird (Abb. 04596).

Fazit
Wie schreibt die „ZEIT" online: "Blendende Aussichten. Deutschlands Wirtschaft geht es so gut wie seit Jahren nicht mehr. Der ach so kranke Mann Europas erhebt sich aus dem Bett. Deutschland
ist Exportweltmeister, Profitkrösus, und neuerdings schafft es sogar Jobs."
Doch die Ergebnisse der Großen Koalition auf wirtschafts- und sozialpolitischem Felde sind trotz begrenzter Fortschritte bisher nicht besonders ermutigend. Die bessere Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts in den letzten Monaten beweist
noch keine dauerhafte Wende, zumal der Druck der Mehrwertsteuererhöhung Ende 2006 zu Beginn des nächsten Jahres ein Vakuum entstehen lassen wird und andere Steuererhöhungen die Massenkaufkraft
einschränken werden sowie viele Indikatoren der Weltwirtschaftsentwicklung ebenfalls eher auf eine Abschwächung hindeuten. Unter einem schwieriger werdenden weltwirtschaftlichen Umfeld wird
Deutschland wegen seiner besonders großen Exportabhängigkeit bei schwacher Binnenkonjunktur mehr als die meisten Vergleichsländer zu leiden haben. Man kann kaum erwarten, daß die
Unternehmen unter solchen unsicheren Vorraussetzungen dauerhaft in vollwertige neue Arbeitsplätze investieren.
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