1. Gesamtentwicklung

Das Statistische Bundesamt hat heute die Detailergebnisse der Wirtschaftsentwicklung im 2. Quartal 2010 mitgeteilt. Wie schon vorab gemeldet, hat sich die Erholung der deutsche Wirtschaftsleistung mit einem Zuwachs von 2,2 % im 2. Quartal und 3,7 % im Vergleich zum Vorjahr fortgesetzt. Jedoch beruht diese Rate auf dem Basiseffekt eines besonders starken Einbruchs im Vorjahr. Vergleicht man mit dem 2. Quartal von vor zwei Jahren, so lag die Wirtschaftsleistung immer noch um 2,0 % niedriger (Abb. 14185, 14744).



Es zeigt sich nun immer deutlicher die Kehrseite der von der Bundesregierung auch in der Krise über den Export ständig weiter vorangetriebenen Globalisierung. Der Export klettert zwar Richtung Vorkrisenniveau (Abb. 14192), erhöht aber damit die Abhängigkeit von derzeit besonders unsicheren Auslandsmärkten.


Dabei wächst der Export vor allem dank der aus Wettbewerbsgründen durchgesetzten Beschränkung der Arbeitseinkommen und damit zulasten des Konsums privater Haushalte. Der ist aber für die Gesamtwirtschaftsleistung erheblich wichtiger als der Export.

Der bei Weitem größte Wachstumsimpuls kam vom Export und dem damit verbundenen Wiederaufbau der Lager oder Vorratsveränderung (Abb. 14294, 14295). Die staatlichen Ausgabenprogramme haben direkt 0,6 Prozentpunkte zum Vorjahreszuwachs von 3,7 %, bzw. 0,1 Prozentpunkte zum Vorquartalszuwachs von 2,2 % beigetragen. Die Bauwirtschaft hat nach Aussage des Statistischen Bundesamts "zum Teil von Nachholeffekte nach dem vergleichsweise strengen Winter" profitiert.



Die soziale Kluft zwischen der Entwicklung der Nettolöhne- und gehälter einerseits und der Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen vergrößerte sich immer weiter. Die einen sparten aus Angst vor der Zukunft, die anderen konnten wegen ihrer hohen Einkommen leicht sparen, und so lag die Sparquote erneut rekordnah bei 11,4 % der verfügbaren Einkommen.

Die wesentlichen Ergebnisse im Vergleich zum 2. Quartal 2009 und zum Vorquartal sind in Abb. 04305 und 14818 zusammengestellt. Die mittelfristige Entwicklung nach Quartalen ist in Abb. 04004 aufgezeigt. Dabei fällt besonders auf, wie stark sich die Unternehmens- und Vermögenseinkommen schon erholt haben und das im Unterschied zu den Löhnen.




Es folgt eine kurze Analyse in logischer Abfolge.

2. Weitere Vertiefung des sozialen Grabens bei den Einkommen

Die Unternehmens- und Vermögenseinkommen haben sich erstaunlich rasch von der Krise erholt, wozu vor allem größere Gewinne nach Einsparung bei den Personalkosten und niedrige Finanzierungskosten beigetragen haben. So legten sie um 22.0 % gegenüber dem Vorjahresquartal zu, was nach Abzug der BIP-Inflation immer noch 21.1 % waren. Die Nettolöhne und -gehälter stiegen dagegen nur um 3,8 % und 2,7 % nach Abzug der Entwicklung der Verbraucherpreise (Abb. 14849). Dabei sind hier die Einkommen der besser- und bestverdienenden Arbeitnehmer bis zum Chef der Deutschen Bank inbegriffen. Die Normaleinkommen der Arbeitnehmer dürften sich noch schlechter entwickelt haben. Und vieles des kleinen Anstiegs an Arbeitnehmereinkommen erklärt sich nur aus dem Auslaufen der Kurzarbeit, die wieder in normale Arbeit und normale Entlohnung zurückfindet.


Über den ganzen Zeitraum seit dem 1. Quartal 2000 sind die Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer um 2,5 % gesunken, während die Unternehmens- und Vermögenseinkommen trotz des Einbruchs in 2008 um 31,1 % expandiert sind. Dabei ist die Absenkung der realen Arbeitseinkommen eine seit Jahren zu beobachtende Dauersituation, während der Einbruch bei den Unternehmens- und Vermögenseinkommen nur eine krisenbedingte und bereits vorübergehende Situation war. Der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am deutschen Volkseinkommen ist im 2. Quartal 2010 weiter gefallen (Abb. 04797). Der Abstieg seit dem Gipfel von 76 % im Jahr 1981 und mit immer größerer Geschwindigkeit seit dem Jahr 2000 ist geradezu dramatisch (Abb. 14636).



Nun erwartet die Bundesregierung, daß sich der Graben über die Jahre bis 2014 noch weiter vertieft. Nach der Prognose im Finanzplan des Bundes soll das Arbeitnehmerentgelt nominal im Jahresdurchschnitt um 2 % wachsen. Da die EZB eine Inflationsrate in der Nähe von 2% ansteuert, wäre das real absolute Stagnation. Dagegen sollen die Unternehmens- und Vermögenseinkommen jährlich und nominal um 4,5 % steigen, was bei der in der Finanzplanung angenommenen BIP-Inflation von 1 % einem realen Zuwachs von 3,5 % entspräche. Bis zum Jahre 2014 hätte dann seit dem Jahr 2000 das Abeitnehmerentgelt real einen Rückgang von 3,7 verzeichnet, die Unternehmens- und Vermögenseinkommen würden dagegen um fast 47 % zugelegt haben (Abb. 14045). Tatsächlich steigen die Unternehmens- und Vermögenseinkommen jedoch derzeit noch viel stärker, als in der Finanzplanung angenommen, nämlich mit einer Jahresrate von 21 % statt nur 3,5 %.


3. Produktivität

Der Produktivität je Erwerbstätigenstunde ist mit dem Abbau der Kurzarbeit wieder gestiegen (Abb. 04730).


4. Entwicklung der Verbraucherkonjunktur

Die privaten Konsumausgaben stagnieren mit wenig Auf und Ab praktisch seit dem letzten Quartal 2006. im Vorquartalsvergleich nahmen sie zwar um 0,6 % zu, fielen aber im Vorjahresvergleich um 1,3 % zurück (Abb. 14010). Das ist auch im internationalen Vergleich ein sehr schwaches Bild und hängt mit der in Deutschland besonders stark gebremsten Entwicklung der Arbeitseinkommen zusammen.


5. Investitionstätigkeit

Die Bruttoanlageninvestitionen sind im 2. Quartal 2010 um 4,7 % gegenüber dem Vorquartal angestiegen und lagen auch um 5,9 % über dem Vorjahreswert. Verglichen mit Gipfel in 2007 waren es bei den kritischen Ausrüstungsinvestitionen jedoch immer noch 18 % weniger (Abb. 14754).


6. Internationaler Vergleich

Im Vergleich mit anderen Ländern sieht die deutsche Entwicklung nur im Vorjahresvergleich besonders eindrucksvoll aus, weil die deutsche Wirtschaftsleistung da besonders tief abgestürzt war. (Abb. 15594). Im Vergleich mit dem Normalquartal von vor zwei Jahren sieht es schon ganz anders aus (Abb. 15267).



Das gilt erst recht, wenn man die Momentaufnahme vom 2. Quartal 2010 in den historischen Zusammenhang der Entwicklung seit dem Jahr 2000 stellt (Abb. 15249). Deutschland nahm unter den 17 Vergleichsländern (Alt-EU, USA und Schweiz) im Zeitraum 1. Quartal 2000 bis 1. Quartal 2008 den 14. Platz ein, nur noch von Italien, Portugal und Dänemark unterboten. An dieser Reihenfolge hat sich auch für den Zeitraum bis 2. Quartal 2010 nichts geändert. Denn der jetzt bejubelte Anstieg der Wirtschaftsleistung im 2. Quartal 2010 macht nur den besonders starken Absturz wieder wett, den Deutschland zwischen 1. Quartal 2008 und 1. Quartal 2009, als es auf den vorletzten Platz abrutschte, erlitt.


7. Aussichten

Es wird sich nun zeigen müssen, wie sich die deutsche Wirtschaft nach abgeschlossenem Lageraufbau und bei Auslaufen der staatlichen Programme weiterentwickelt. Das wird angesichts der extrem einseitigen Abhängigkeit vom Export in erster Linie von der Entwicklung in den Partnerländern abhängen. Einige gehen im Vorquartalsvergleich derzeit durch eine relativ schwache Entwicklung, z.B. Italien 0,4 %, Spanien 0,2 %, Griechenland -1,5 %. Auch Portugal (0,2 %) und Irland müssen konsolidieren. Deutschlands wichtigster Handelspartner Frankreich kam auf einen Zuwachs von 0,6 %. In den USA schwächt sich die Erholung derzeit deutlich ab. Die amerikanische Außenbilanzsituation, vor allem mit China, wird wieder prekärer (Abb. 05233), so daß handelspolitische Auseinandersetzungen mit negativen Rückwirkungen auf den Welthandel nicht mehr auszuschließen sind.


Wenn der SPIEGEL-online nun titelt: "Rekordaufschwung - Über drei Prozent Wachstum sind unvermeidbar" und dann schreibt: "Die Dynamik des Aufschwungs überwältigt selbst die Fachwelt: Das Wirtschaftsinstitut DIW korrigiert seine Prognose drastisch nach oben. Die DekaBank ist nahezu euphorisch - und sieht bereits die Chance auf ein deutsches Jahrzehnt", dann sollte man nachfragen, wessen Jahrzehnt das wirklich werden soll. Bisher sieht es allenfalls nach einem der deutschen Unternehmens- und Vermögenseinkommen aus, nicht jedoch nach einem Jahrzehnt, mit dem sich die große Mehrheit der Arbeitnehmer anfreunden könnte. Aber auch das ist alles andere als sicher.


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