1. Gesamtentwicklung

Das Statistische Bundesamt hat heute die Detailergebnisse der Wirtschaftsentwicklung im 2. Quartal 2009 mitgeteilt. Wie schon vorab gemeldet ergab sich kalenderbereinigt ein Minus gegenüber dem Vorjahreswert von 5,9 % und ein leichtes Plus von 0,3 % gegenüber dem Vormonat (Abb. 14744, 14003). Dabei spielt auch das angewandte Bereinigungsverfahren eine Rolle. Hätte das StaBuA mit dem „BV4.1" Verfahren (oder Berliner Verfahren) gerechnet, das in der Vergangenheit meist näher am späteren Endergebnis lag, so wäre nur noch ein Plus von 0,1 % herausgekommen, das eindeutig innerhalb der Fehlerquote solcher Rechnungen liegen würde und ebenso Stagnation oder weitere Rezession hätte sein können.



Hauptmotor hinter dem kleinen Anstieg um 0,3 % war eine krisenbedingte Importschwäche. Dazu heißt es in der Pressemitteilung des StaBuA lapidar: „Da die preisbereinigten Importe mit - 5,1% aber erheblich stärker zurückgegangen sind als die Exporte (- 1,2%), trug der daraus resultierende Exportüberschuss (Außenbeitrag) mit 1,6 Prozentpunkten zum BIP-Wachstum bei". Ohne diese Importschwäche, die Teil der Krise ist, hätte also das StaBuA einen weiteren krisenhaften Rückgang der Gesamtwirtschaftsleistung um 1,3 % verzeichnen müssen, was immerhin einer hohen Jahresrate von minus 5,2 % entspricht (Abb. 14745). So ist denn auch die inländische Verwendung des Bruttoinlandsprodukts, die den Außenhandel ausklammert, um 1,3 % noch weiter zurückgefallen (Abb. 14755).



Auch kam es zu einem massiven Abbau der Lagerbestände. Solange die Lager aber nicht wiederaufgefüllt werden, kann von einem Ende der Rezession ohnehin nicht die Rede sein.

Das Arbeitnehmerentgelt viel weiter zum Nachteil der Massenkaufkraft. Durch den Gewinneinbruch bei den Unternehmen gingen auch die Unternehmens- und Vermögenseinkommen erheblich zurück. Ohne den künstlichen Anschub durch die Abwrackprämie wäre daher die private Nachfrage erheblich gefallen. Nach Mitteilung des Statistischen Bundesamts hätte sich ohne die Käufe von Personenkraftwagen der private Konsum im 1. Halbjahr 2009 um 1,0% vermindert, statt um 0,1 % zu steigen.

Es zeigt sich nun, wie lang selbst auf der Basis eines Quartalswachstums von 0,3 % die Krise sein wird, bis das um 6,9 % höhere Vorkrisenniveau (1. Quartal 2008) wieder erreicht wird, nämlich nahezu zwei Jahre. Fast alle konjunturellen Stützungsmaßnahmen der Bundesregierung sind mit Blick auf den Bundestagswahltermin getroffen worden. Das gilt für die Abwrackprämie, das Kurzarbeitergeld, die Finanzspritze für Opel, das kurzatmige Rettungskonzept für HRE und einige andere Banken und vieles andere. Auch die Staatsverschuldung wird die neue Bundesregierung nicht beliebig weiter hochfahren können. Die Frage ist nun, ob es unter solchen Umständen überhaupt zu weiterem Wachstum kommen wird, zumal wenn - wie erwartet - die Arbeitslosigkeit auf über 5 Millionen im nächsten Jahr ansteigen wird (und das ist nur die amtliche und weit untertriebene Zählung). Der Einzelhandelsumsatz setzt jedenfalls bisher seinen negativen Trend fort (Abb. 04943). Auch wird angesichts der Lage Banken mit zunehmender Kreditverknappung gerechnet. Sehr leicht kann es zu einer „double-dip"-Entwicklung kommen, also einem W-förmigen Verlauf mit einem weiteren Abrutschen nach kurzer Beruhigung.


Es zeigt sich nun immer deutlicher die Kehrseite der von der Bundesregierung ständig weiter vorangetriebenen Globalisierung. Eine gegenüber dem Vorjahresquartal um 1,5 % schrumpfende inländische Verwendung des Bruttoinlandsprodukts kann den in der Globalisierung hochgefahrenen und jetzt mit minus 22,3 % gegenüber Vorjahr abgestürzten Export (Abb. 14631) nicht mehr ausgleichen. Auch die Konsumausgaben des Staates konnte das Gesamtergebnis nur um 0,4 Prozentpunkte aufbessern.


Die wesentlichen Ergebnisse im Vergleich zum 2. Quartal 2008 sind in Abb. 04305 zusammengestellt. Dabei fällt auf, wie als Folge der Krise einerseits die Sparquote hochgeschossen ist und andererseits die Unternehmens- und Vermögenseinkommen abgestürzt sind. Die mittelfristige Entwicklung nach Quartalen ist in Abb. 04004 aufgezeigt. Danach folgt eine kurze Analyse in logischer Abfolge:



2. Weiter negative Entwicklung der Einkommen

Durch den Gewinneinbruch bei den Unternehmen gingen die Unternehmens- und Vermögenseinkommen um 3,5 % gegenüber Vorquartal oder 22,5 % gegenüber Vorjahresquartal zurück (nach Abzug der BIP-Inflation). Auch die Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer gingen um 0,1 % bzw. 3,5 % zurück (nach Abzug der Entwicklung der Verbraucherpreise).

Über den ganzen Zeitraum seit dem 1. Quartal 2000 sind die Nettolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer im Jahresdurchschnitt um 1,0 % gesunken, während die Unternehmens- und Vermögenseinkommen trotz des starken Einbruchs im 1. Und 2. Quartal 2009 um 4,3 % expandiert sind. Dabei ist die Absenkung der realen Arbeitseinkommen eine seit Jahren zu beobachtende Dauersituation, während der Einbruch bei den Unternehmens- und Vermögenseinkommen nur eine krisenbedingte vorübergehende Situation sein wird.

Der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am deutschen Volkseinkommen ist weiter deutlich gestiegen, aber nur weil die Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen in der Krise und sicher nur vorübergehend besonders leiden (Abb. 04797). Der Produktivität je Erwerbstätigenstunde ging zurück, was bei so viel Unterauslastung, Kurzarbeit und Investitionsrückgang kein Wunder ist (Abb. 04730).



3. Entwicklung der Verbraucherkonjunktur

Vor allem Dank Abwrackprämie stiegen die Konsumausgaben der privaten Haushalte trotz negativer Einkommensentwicklung um 1,2 % gegenüber Vorjahr (Abb. 14010). Die Neuzulassungen von PKW wurden im Juli auf 30 % gegenüber dem Vorjahresstand hochkatapultiert, aber nach dem Auslaufen droht nun ein tiefes schwarzen Loch.


Die anhaltend schlechte Verbraucherkonjunktur außerhalb des PKW-Bereichs spiegelt sich weiter in der schwachen Entwicklung der Einzelhandelsumsätze wider. Der längerfristig negative Trend hält an (Abb. 04943). Die staatlichen Ausgaben sind natürlich mit stark steigender Staatsverschuldung gestiegen.


4. Investitionstätigkeit

Im Investitionsbereich ergab sich ein weiterer Kunsteffekt gegenüber dem 1. Quartal 2009 bei den Bauinvestitionen, da hier das 1. Quartal durch den vergleichsweise strengen Winter ausgebremst war und das zweite dann entsprechend schöner aussieht. Dagegen fielen die kritischen Ausrüstungsinvestitionen erneut um 0,5 % gegenüber Vorquartal oder 20,7 % gegenüber dem Vorjahr. Das ist ein schlechtes Omen für den Arbeitsmarkt. Ebenfalls bedenklich: Es kam zu einem massiven Abbau der Lagerbestände, so daß die Gesamtinvestitionen um 9,4 % unter dem Vorquartal lagen (Abb. 14754). Solange die Lager nicht wiederaufgefüllt werden, kann von einem Ende der Rezession nicht die Rede sein.


Die Bruttoanlageninvestitionen gingen gegenüber dem Vorjahresquartal um 8,3 % zurück. Angesichts der immer noch hohen Sparleistung der Volkswirtschaft liegt die Differenz zwischen Sparen und Netto-Investieren weiterhin sehr hoch (Abb. 04583). Die Bundesbank sprach deshalb schon vor Jahren von einer „Unterinvestition" in Deutschland. Diese Entwicklung muß sich extrem negativ auf den Arbeitsmarkt auswirken.


5. Internationaler Vergleich

Beim EU-Vergleich zum Vorjahresquartal rangiert Deutschland in der fünftletzten Position des internationalen Feldes (Abb. 13794), im Vergleich zum Vorquartal nach Japan in der Spitzengruppe, wobei jedoch der künstliche Effekt der Importschwäche zu berücksichtigen ist (Abb. 13511).




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