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Von http://www.jjahnke.net/2quartal07.html, Version 23.08.07

Das Statistische Bundesamt hat heute die Detailergebnisse des 2. Quartals 2007 bekannt gegeben. Die deutsche Wirtschaftsleistung ist mit einem schwachen Plus von nur 0,26 % gegen Vorquartal erneut ausgesprochen enttäuschend ausgefallen. Das entspricht einer Jahresrate von 1,0 %. Das Quartals-Wachstum ist damit verglichen mit dem 2. Quartal 2006 auf wenig mehr als ein Viertel gesunken. Es ist der geringste Zuwachs seit Ende 2004. Der negative Trend hält nun - mit der kleinen Unterbrechung im 4. Quartal 2006 - schon seit vier Quartalen an. Die deutsche Wirtschaft befindet sich damit derzeit wieder im Zustand der Fast-Stagnation des Jahres 2005. Im EU-Vergleich landet Deutschland nur gegen Ende des Vergleichsfeldes.

Die enttäuschend gespaltene Konjunktur mit stark starker Diskrepanz zwischen Arbeitseinkommen einerseits und Unternehmens- und Vermögenseinkommen anderseits hat sich, wie zu erwarten, fortgesetzt. Die deutschen Unternehmen verzeichnen maximale Profite, deren Ergebnisse sich in den Taschen der Aktionäre und der Managerklasse widerspiegeln. Die Arbeitnehmereinkommen, in deren Durchschnitt auch noch die sich weit besser entwickelnden Einkommen der Besserverdienenden einbezogen sind, stagnieren dagegen. Das gilt erst recht für die nominal eingefrorenen Sozialleistungen, Renten, Beamtengehälter und Versorgungsbezüge. Der erhebliche Produktivitätsgewinn der Volkswirtschaft verbleibt einseitig bei den Kapitaleignern.

Der Bundeswirtschaftsminister hat am letzten Freitag in seiner Pressemeldung keinen Anlaß für irgendwelche Sorgen gesehen: „Die konjunkturellen Auftriebskräfte in Deutschland sind weiter intakt." Auch die Bundesbank verbreitet schon mal jenseits der sonst bei ihr üblichen Vorsicht vollmundig: „Die jüngsten Entwicklungen an den internationalen Finanzmärkten bieten aus heutiger Sicht keinen Anlass, diese Einschätzung günstiger Fundamentalfaktoren grundlegend zu korrigieren." Da lassen sich die Experten vom staatseigenen Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung die Schau nicht stehlen und verbreiten: „2008 wird die Arbeitslosigkeit in Deutschland auf dem niedrigsten Stand seit 15 Jahren fallen." Eine eigenartige Welt des „alles in Ordnung" auf der einen Seite und der ernüchternden Zahlen auf der anderen. Was soll man da vom Chef der WestLB halten, wenn er meint, die deutsche Finanzbranche sei in einer „nicht unkritischen Situation"?

Gesamtentwicklung

Die deutsche Wirtschaftsleistung ist mit einem schwachen Plus von nur 0,26 % gegen Vorquartal erneut ausgesprochen enttäuschend ausgefallen (Abb. 04718). Das entspricht einer Jahresrate von 1,0 %. Das Quartals-Wachstum ist damit verglichen mit dem 2. Quartal 2006 auf wenig mehr als ein Viertel gesunken. Es ist der geringste Zuwachs seit Ende 2004. Der negative Trend hält nun - mit der kleinen Unterbrechung im 4. Quartal 2006 - schon seit vier Quartalen an (Abb. 04790).



Die wesentlichen Ergebnisse im Vergleich zum 2. Quartal 2006 sind in Abb. 04305 zusammengestellt. Die mittelfristige Entwicklung nach Quartalen ist in Abb. 04004 aufgezeigt.



Um den Trend der Wirtschaftsentwicklung über die vergangenen sieben Jahre herauszuarbeiten, sind in Abb. 04939 die Quartalswerte auf gleitender 4-Quartals-Basis dargestellt, was die Ausschläge der Quartalswerte beruhigt und auch bei den Einkommenskurven eine saisonale Bereinigung schafft. Dabei zeigt sich sehr deutlich, daß eine Aufwärts-Dynamik nur bei den Unternehmens- und Vermögenseinkommen sowie, damit zusammenhängend, der gestiegenen Sparquote festzustellen ist. Die anderen Werte, nämlich Nettolöhne und -gehälter, Konsum privater Haushalte und Bruttoanlageninvestitionen verharren um den Wert des Jahres 2000 (die Nettolöhne und -gehälter sogar deutlich darunter).


Im EU-Vergleich landet Deutschland nur gegen Ende des Vergleichsfeldes (Abb. 13287).


Es folgt eine kurze Analyse in logischer Abfolge:

1. Negative Entwicklung der realen Einkommen

Die Arbeitnehmereinkommen (netto Steuern) stagnierten im Vorjahresvergleich nach Abzug der Entwicklung der Verbraucherpreise bei einem knappen Plus von 0,6 % (Abb. 04054) und gingen je Arbeitnehmer um 1,3 % zurück. Im Vergleich zum Vorquartal betrug der Rückgang 0,6 % bzw. 0,9 %. Über den ganzen Zeitraum seit 2000 sind die Arbeitnehmereinkommen um 3,4 % gesunken, während die Unternehmes- und Vermögenseinkommen um 36 % expandiert sind.


Der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am deutschen Volkseinkommen hat gegenüber dem Vorjahr weiter abgenommen und läuft nun schon seit 2000, d.h. im siebten Jahr, zurück (Abb. 04797).


Die Arbeitseinkommen haben sich schon im vergangenen Jahr nirgends so schlecht wie in Deutschland entwickelt - eine Situation, an der sich im 2. Quartal 2007 wenig geändert haben dürfte (Abb. 13233).


Der Produktivitätszuwachs hielt an (Abb. 04730). Umso unsozialer ist dessen einseitige Verteilung an die Kapitaleigner. Die Produktivität hat über die letzten 7 Jahre schon um 22,1 % zugelegt, wovon die Arbeitnehmer nichts in ihren Lohntüten gesehen haben.


Selbst in der besser entlohnenden gewerblichen Wirtschaft zeigt sich für den letzten Monat Juni das alte Bild gebremster Entgelte bei wesentlich höherer Produktivität. Das spricht auch für die Zunahme der Beschäftigung durch schlecht bezahlte und zeitlich befristete Jobs (Abb. 04932). Bereinigt um die Kaufpreisentwicklung fiel das Entgelt pro Arbeitsstunde um 1,3 %. Die Sozialleistungen, Renten, Beamtenbezüge und Versorgungsgelder des öffentlichen Dienstes stagnieren nominal ohnehin weiter und verzeichnen real die Auszehrung durch eine Inflationsrate.


Nicht überraschend nehmen in dieser Situation die Verbraucherinsolvenzen in Deutschland immer mehr zu. Sie stiegen nach letzten Angaben für Mai 2007 um mehr als 12 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum (Abb. 04028).


2. Negative Entwicklung der Verbraucherkonjunktur

Nicht zuletzt wegen der schlechten Entwicklung der Kaufkraft stagnierte die Nachfrage der privaten Haushalte, von der die deutsche Konjunktur maßgeblich abhängt, weiter um den Wert, den sie vor 7 Jahren erreicht hat (Abb. 04055). Der mit dem Jahr 2000 eingetretene Abbruch der bis dahin anhaltenden Aufwärtsentwicklung ist unübersehbar. Zwar kam es im 2. Quartal 2007 gegenüber dem stark MWSt-geschädigten und daher nicht vergleichbaren ersten Quartal zu einem kleinen Anstieg, doch lag der Wert um 0,4 % noch unter dem Quartals-Durchschnitt des Jahres 2006.


Dabei litt unter der schwachen Nachfrage besonders die Konsumgüterindustrie, deren Inlandsumsatz nach letzten Zahlen für Juni 2,2 % gegenüber Mai verlor (Abb. 04910, 04927).



Die anhaltend schlechte Verbraucherkonjunktur spiegelt sich in der schwachen Entwicklung der Einzelhandelsumsätze. Kalender- und saisonbereinigt stagnierte der Einzelhandelsumsatz mit etwas Auf und Ab (Abb. 04214). Die Entwicklung über die Quartale zeigt den Rückgang seit dem 4. Quartal 2006 sehr deutlich (Abb. 04921). Gegenüber dem 1. Halbjahr 2006 setzte der Einzelhandel im 1. Halbjahr 2007 1,5 % weniger um. Unsere EU-Partner zeigen da ein ganz anderes Bild (Abb. 12378).




Unter schwacher Verbrauchernachfrage litt auch der Automobilmarkt (Abb. 04789) und die Bauwirtschaft mit einem Rückgang der Baugenehmigungen (Abb. 04925). Der Umsatz im deutschen Baugewerbe lag im Juni real um 3,8 %, der Auftragseingang um 2,4 % unter dem Vorjahresergebnis. Die Zahl der Beschäftigten nahm um 3,5 % ab, die Zahl der Arbeitsstunden um 8,7 %. Die heute ebenfalls veröffentlichte Übersicht von Eurostat zeigt Deutschland im Vergleich des 2. Quartals 2007 gegenüber Vorquartal mit minus 8,8 % als Schlußlicht (Abb. 12803).



3. Investitionstätigkeit

Die Bruttoanlageninvestitionen sind wieder angestiegen, liegen aber in gleitenden 4-Quartals-Schritten immer noch auf dem Niveau zu Beginn des Jahres 2000 (Abb. 04029). Das zweite Quartal 2007 brachte dabei im Vergleich zum ersten einen Rückgang um 1,3 %.


Eigentlich sollte bei der relativ hohen deutschen Sparquote und den sprudelnden Unternehmensgewinnen eine noch bessere Investitionstätigkeit zu erwarten sein. Doch die deutschen Unternehmen haben den Anteil der Netto-Investitionen am in der Volkswirtschaft verfügbaren Einkommen drastisch von etwa 5,3 % in 2000 auf nur noch 1,2 % abgesenkt und erst in den letzten 12 Monaten wieder auf 2,8 % angehoben (Abb. 04583). Angesichts der hohen Sparleistung der Volkswirtschaft stieg die Differenz zwischen Sparen und Netto-Investieren bis zum 2. Quartal 2007 ständig an. Die Bundesbank sprach deshalb von einer „Unterinvestition" in Deutschland.


Hinzu kommt noch, daß die Investitionen in diesem Jahr z.T. vorgezogene sind, da sich im nächsten Jahr mit der Steuerreform die Abschreibungsmöglichkeiten verschlechtern. Wir erleben gerade eine ähnliche Entwicklung bei der MWSt. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger hat errechnet, wer in diesem Jahr eine Million Euro investiert, kommt um 90.000 Euro besser weg als bei einer gleich großen Investition im Jahr 2008. Das ist seiner Meinung nach „mit ein Grund für den derzeitigen Boom". Es spräche einiges dafür, daß die Investitionen im kommenden Jahr an Dynamik verlören.

4. Wirtschaft nur auf dem Zylinder des Exports

Kalender- und saisonbereinigt nahmen die Ausfuhren im letztgemeldeten Monat Juni gegenüber Mai 2007 noch einmal um 2,1% und die Einfuhren um 6,7% zu, so daß der Überschuß zurückfiel. Über die ganze Periode seit September 2006 kam es kaum noch zu einem Exportanstieg. Noch bringt der deutsche Außenhandel jedoch hohe Überschüsse ein, vor allem mit der Eurozone, in der die deutschen Unternehmen die gedrückten Stücklohnkosten ohne die Gefahr von Wechselkursanpassungen ausspielen können. Deutschlands Volkswirtschaft hat sich dabei über die letzten Jahre immer abhängiger vom Export gemacht, was sich angesichts der Konjuntkurabschwächung, vor allem auf den beiden wichtigsten Absatzmärkten USA und Frankreich, schnell rächen kann. Abb. 04940 verdeutlicht, wie die deutsche Wirtschaft zuletzt fast nur noch über den Aussenbeitrag wächst.


5. Beschäftigung

Am Arbeitsmarkt hat nach den letzten Ergebnisse für Juli kaum noch ein echter Rückgang stattgefunden (siehe hier). Auch fand kein Aufbau an zusätzlicher Beschäftigung im letzten gemeldeten Monat Juni statt. Der Abbau von Arbeitslosigkeit erfolgt vor allem durch mehr unsichere und schlecht bezahlte Zeitarbeit, mehr Mc Jobs, ausschließlich geringfügig entlohnte Beschäftigung, administrative „Bereinigung" der Statistik und demographische Entwicklung. Der Anteil and Langzeitarbeitslosen bleibt trotz aller Aussortierungsmanöver, die gerade auf dieses Segment konzentriert sind, mit rund 42 % weiterhin und unverändert hoch (Abb. 04033), auf der Basis der letzten Eurostat-Erfassung für das 4. Quartal 2006 den höchsten in den Alt-EU-Ländern nach Griechenland (Abb. 04022).

Die Beschäftigung insgesamt stieg zwar gegenüber Vorjahr im 2. Quartal um 1,7 %. Jedoch lag der Anstieg im gewerblichen Bereich und hier ohne Bauwirtschaft, d.h. ohne den Witterungseinfluß des milden Winters, vom 1. auf das 2. Quartal 2007 nur noch bei 0,2 %, also fast einer Stagnation (Abb. 04938). Gegenüber dem 4. Quartal kam es sogar zu einem leichten Rückgang um 0,4 %.


Fazit

Aus meiner Sicht besteht kein Anlaßzum Jubel über das Ergebnis des 2. Quartals, zumal angesichts:

» eines erheblichen Wachstumsverlustes,

» einer ungleichen Verteilung der Wirtschaftsleistung,

» einer weiter stagnierenden Verbraucherkonjunktur,

» eines Jobaufwuchses vor allem in befristeten und schlecht entlohnten Arbeitsverhältnissen und

» einer unsicher werdenden Exportsituation.