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Schwerpunktthema auf jjahnke.net - zuletzt aktualisiert: 24/08/2006 09:37 -

Bücher zur Webseite: "Falsch globalisiert (Mai 2006)
und "Deutschland global" (2005)

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Nun liegen die amtlichen Werte der Wirtschaftsentwicklung im 1. Halbjahr 2006 vor. Deutschland hat seinen einsamen Sonderweg in die wirtschafts- und sozialpolitische Sackgasse unter der Führung der Großen Koalition im Wesentlichen fortgesetzt. Man könnte es mit nur wenig Übertreibung auch einen Akt der "Selbstverstümmelung" nennen. Die Kombination von fünf Faktoren ist sonst nirgendwo in der Welt unter vergleichbaren Ländern anzutreffen und damit eine einmalige deutsche Mischung:

    (1) negative Entwicklung der realen Einkommen von Arbeitnehmern, Arbeitslosen und Rentnern,
    (2) immer noch unbefriedigende Binnenkonjunktur (mit kurzfristigem Mehrwertsteuer- und WM-Effekt),
    (3) immer noch - gemessen an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes - zu geringe Investitionstätigkeit,
    (3) infolge der verhaltenen Lohnentwicklung hoher Außenhandelsüberschuß (der jetzt von der Weltkonjunktur her unter Druck kommt),
    (4) anhaltende Massenarbeitslosigkeit und

Die wesentlichen Ergebnisse im Vergleich zum 2. Quartal 2005 sind in Abb. 04305 zusammengestellt. Die mittelfristige Entwicklung nach Quartalen ist in Abb. 04004 dargestellt.


Hier die Zahlen im Überblick:



Es folgt eine kurze Analyse in logischer Abfolge:

1. Negative Entwicklung der realen Einkommen

Das Volkseinkommen insgesamt zeigt verbraucherpreisbereinigt bereits seit Jahresanfang eine negative Tendenz (Abb. 04590).

Die Nettolohn- und -gehaltssumme ist nach Abzug der Inflationsrate gegenüber der Vorjahresperiode weiter zurückgegangen. Dagegen haben die Unternehmens- und Vermögenseinkommen auch im 2. Quartal 2006 gegenüber Vorjahr zugenommen (Abb. 04054); der Vergleich 2. zu 1. Quartal 06 täuscht hier, da im 1. Quartal die meisten Dividenden anfallen.

Im Ergebnis hat der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen weiter leicht abgenommen (Abb. 04027).

Die Verdienste der Arbeitnehmer entfernten sich im 2. Quartal 2006 gegenüber Vorjahreszeitraum mit einem Minus von - 3,2 % noch weiter von der Produktivität, die im selben Zeitraum um 0,5 % zunahm. Speziell für den Bereich der gewerblichen Wirtschaft und der Gebietskörperschaften kam es im 2. Quartal zu Rückgängen um 1,4 % für Angestellte und 0,9 % für Arbeiter gegenüber dem Vorjahreswert, wenn man die Nominalentwicklung um den Anstieg des Verbraucherpreisindex bereinigt (Abb. 04567).

Eindrucksvoll ist in diesem Zusammenhang der Vergleich mit Frankreich, wo der Anstieg der tariflichen Stundenlöhne im 1. Quartal mit 3,0 % fast dreimal stärker als in Deutschland mit 1,1 % war (Abb. 03023). Seit 2000 sind die französischen Stundenlöhne damit bereits um rund 10 % stärker gestiegen als die deutschen.

So haben in Frankreich - drastisch anders als in Deutschland - Unternehmensgewinne und Löhne eine ähnliche Entwicklung genommen und sich damit wesentlich sozialer entwickelt (Abb. 12199). Der französischen Binnenkonjunktur und allgemeinen Wirtschaftsentwicklung hat das sehr genützt.


Der Vergleich von Eurostat der Verwendung des Volkseinkommens auf Unternehmensgewinne einerseits und Arbeitnehmereinkommen andererseits zeigt, wie besonders aggressiv die deutschen Unternehmen zu Lasten ihrer Arbeitnehmerschaft vorgehen. Nirgendwo sonst in den dargestellten Ländern sind über die letzten fast drei Jahre die Unternehmensgewinne als Teil des Bruttoinlandsprodukts so stark gewachsen (Abb. 12200) und die Arbeitnehmereinkommen (einschließlich Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung) so sehr zurückgegangen (Abb. 12201).


Nicht überraschend nehmen in dieser Situation die Verbraucherinsolvenzen in Deutschland immer mehr zu. Sie stiegen in Januar - Mai um weitere 44,2 % gegenüber Vorjahreszeitraum und dürfen in diesem Jahr mit etwa 100.000 die Bevölkerung einer Großstadt erreichen (Abb. 04028).

Die Einkommensverteilung wird international nach einer vom italienischen Statistiker Corrado Gini entwickelten Methode bestimmt. Dabei bedeutet die Zahl 0 eine perfekte Gleichheit, während die Zahl 1 vollständige Ungleichheit ausweist. Nach neuen Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung stieg der Koeffizient von 0,26 in 1997 auf 0,29 in 2005 stetig an. Das gleiche gilt für das so genannte 80/20-Verhältnis, das anzeigt, wieviel mehr das oberste Einkommensfünftel gegenüber dem untersten verdient (Abb. 03455). Damit waren die Einkommensunterschiede im wiedervereinigten Deutschland noch nie so groß wie heute.

2. Stagnierende Binnenkonjunktur

Nicht zuletzt wegen der schlechten Entwicklung der Kaufkraft stagnierte die Nachfrage der privaten Haushalte, von der die deutsche Konjunktur maßgeblich abhängt, weiter um den Wert, den sie vor 6 Jahren erreicht hat, und ist auch im 2. Quartal selbst dem Druck der drohenden Mehrwertsteuererhöhung verhalten geblieben (Abb. 04055). Dabei litt unter der schwachen Nachfrage besonders die Konsumgüterindustrie (Abb. 04306).

Der Einzelhandelsumsatz trippelt trotz Fußballweltmeisterschaft und drohender Mehrwertsteuererhöhung auf der Stelle. Im Juni 2006 erreichte er gerade mal wieder das Niveau vom Januar erreicht (Abb. 04214). Vergleicht man das gesamte 2. Quartal 2006 mit dem Vorjahreszeitraum, so ergibt sich in realer Betrachtung saison- und kalenderbereinigt nur ein ganz schwaches Plus von 0,4 %. Im EU-Vergleich war die deutsche Zuwachsrate im 1. Halbjahr 2006 gegenüber Vorjahr eine der niedrigsten und lag unter dem Durchschnitt der Eurozone (Abb. 12191). Der Indexwert für Juni 2006 wurde nur noch von Italien unterboten (Abb. 12190).

Auch der in die Zukunft weisende Auftragseingang bei der deutschen Industrie ist nicht viel besser. Er hat im Juni zum zweiten Mal in Folge nachgegeben und liegt wieder unter dem Niveau vom Februar (Abb. 04569).

3. Mangelnde Investitionstätigkeit

Die Bruttoanlageninvestitionen sind im 2. Quartal 2006 wieder etwas angestiegen, liegen aber immer noch um 8 % unter dem Niveau des Jahres 2000 (Abb. 04029).

Eigentlich sollte bei der relativ hohen deutschen Sparquote und den sprudelnden Unternehmensgewinnen genug Investitionskapital vorhanden sein. Doch die deutschen Unternehmen haben den Anteil der Netto-Investitionen am in der Volkswirtschaft verfügbaren Einkommen drastisch von etwa 5,3 % in 2000 auf nur noch 1,8 % in den letzten 12 Monaten abgesenkt (Abb. 04583). Die Bundesbank spricht deshalb von einer "Unterinvestition" in Deutschland.

Überhaupt halten international die großen Unternehmen ihre Mittel zu einem hohen Anteil in cash, statt in Anlagen zu gehen, die unter derzeitigen Umständen für zu riskant gehalten werden. Für die 100 größten Unternehmen der Welt verzeichnet die Financial Times bereits seit 2004 eine solche Entwicklung, die jetzt die 1.000 Milliarden Dollar-Marke durchbrochen hat (Abb. 12194).

Am Bedrückendsten ist, wie sehr viele deutsche Unternehmen trotz der hervorragenden deutschen Entwicklung der Unternehmensgewinne von Anlageninvestitionen in Deutschland abgesehen und damit dem Arbeitsmarkt und der Zukunft der deutschen Volkswirtschaft geschadet haben (Abb. 12202 und 12205), auch wenn im 2. Quartal 2006 endlich wieder mehr investiert wurde.

Daher lag Deutschland beim Anteil der Bruttoanlageninvestitionen am Bruttoinlandsprodukt im 1. und auch noch im 2. Quartal 2006 so ziemlich am Ende des internationalen Vergleichsfeldes (Abb. 12206).

4. Bruttoinlandsprodukt unter dem Druck der Mehrwertsteuererhöhung

Die unbefriedigende Binnenkonjunktur trägt auch die Hauptverantwortung für eine im internationalen Vergleich wenig eindrucksvolle Entwicklung der gesamten wirtschaftlichen Leistung im 2. Quartal 2006, die - trotz der deutschen Sondereffekte von Fußballweltmeisterschaft und drohender Mehrwertsteuererhöhung - zusammen mit Italien absolutes Schlußlicht war (Abb. 13082).

Wie sehr die etwas bessere Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts im 2. Quartal 2006 (neben der immer noch guten Exportsituation) vom Vorziehen von Einkäufen, die sonst von der Mehrwertsteuererhöhung am Jahresende erfaßt werden, gespeist war, zeigt eine interessante neue Schätzung von Deutsche Bank Research für 2007. Danach soll der Anstieg auf nur noch 0,4 % für das ganze Jahr zusammenschmelzen und im 1. Quartal sogar ein Minus von 1,9 % verzeichnet werden. Das ergäbe für die zwei Jahre 06+07 gerade einmal einen Jahresdurchschnitt nicht viel über dem niedrigen Wertes von 2005.

Schon jetzt trüben sich die Konjunkturerwartungen wieder ein. Der Index des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), der auf Umfragen unter Finanzmarktexperten nach den Aussichten für die nächsten 6 Monate beruht, gab im August 2006 erneut deutlich auf dem tiefsten Stand seit 2001 nach (Abb. 04588). Dabei wird die Entwicklung für Deutschland wegen der Exportabhängigkeit und der MWSt-Erhöhung besonders negativ eingeschätzt (Abb. 04586).

Der Ifo-Geschäftsklima-Index zeigt ebenfalls einen Abriß in den Erwartungen an die Wirtschaftsentwicklung (Abb. 04589).

5. Hoher Außenhandelsüberschuß - aber Wolken am weltwirtschaftlichen Horizont

Die negative Entwicklung bei den deutschen Arbeitseinkommen ist der Hauptgrund für die deutschen Exportüberschüsse, die nun bereits zu 61 % aus der Eurozone kommen, bei der ausgleichende Währungsveränderungen nicht mehr möglich sind, und zu weiteren 27 % aus der zum großen Teil dem Euro folgenden Rest-EU (Abb. 04175). Der deutsche Überschuß wird zwar in diesem Jahr von dem chinesischen überholt, liegt aber weit vor dem aller anderen Ländern und macht Deutschland besonders verwundbar bei negativen Entwicklungen in der Weltwirtschaft.

Deutschland hat sich mit seiner extrem einseitigen Exportorientierung vom Schicksal der Exportmärkte gefährlich abhängig gemacht. Einbrüche im Export können kaum von der ohnehin nicht sehr starken Binnenkonjunktur aufgefangen werden. Ein weiteres Nachgeben des Dollarkurses kann angesichts der wachsenden Ungleichgewichte in der US-Handelsbilanz nicht mehr ausgeschlossen werden. Schon jetzt trüben sich die weltwirtschaftlichen Aussichten deutlich ein. So meldete die OECD vor wenigen Tagen einen Rückgang ihrer führenden Konjunkturindikatoren sowohl für die OECD insgesamt wie auch für die Gruppe der sieben großen Volkswirtschaften (Kanada, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, Großbritannien und USA) und die USA insbesondere (Abb. 12192).

Seit einigen Monaten zeigt sich auch bereits deutlich, wie der Exportüberschuß von der sich eintrübenden Weltwirtschaft und steigenden Rohstoffpreisen unter Druck gesetzt wird; er lag in den ersten 7 Monaten schon um 9 % unter dem Vorjahreszeitraum (Abb. 04576).

6. Anhaltender Massenarbeitslosigkeit

Das Bedrückendsten an der deutschen Konjunkturlage ist weiterhin die anhaltende Massenarbeitslosigkeit. Die deutsche Arbeitlosenquote ist immer noch eine der höchsten vergleichbarer Länder (Abb. 04068), und die Langzeitarbeislosigkeit ist die höchste überhaupt.

Der letzte Arbeitsmarktbericht der Bundesagentur vom Juli zeigt immer noch keine richtige Wende an. Die Zahl der der versicherungspflichtig Beschäftigten stagierte im Vorjahresvergleich bei +0,2 % und das sind immer noch 221.000 weniger als vor zwei Jahren (Abb. 04008).

Dahinter verbirgt sich ein kräftigen Rückgang im produzierenden Gewerbe (Abb. 04308), während die Dienstleistungsjobs zugenommen haben.

Die Zahl der älteren Arbeitslosen über 50 Jahre ist nur unterdurchschnittlich zurückgegangen. Vor allem lag die Zahl der Langzeitarbeitslosen mit 42,9 % aller Arbeitslosen oder rund 1,9 Millionen immer noch um fast 8 % über dem Vorjahreswert, wobei diese Daten aus dem IT-Vermittlungssystem der BA hochgerechnet werden müssen (Abb. 04033).

Der Rückgang der Arbeitslosigkeit insgesamt beruht bisher fast ausschließlich auf mehr geringfügig entlohnten Beschäftigungen und so genannten 1-Euro-Jobs, die keine regulären Arbeitsverhältnisse beinhalten. Wenn man die Arbeitslosenstatistik für Juli 2006 um diese und andere Sondereffekte bereinigt, so kommt man auf nur etwa 1 % Arbeitslose weniger als im Juli 2005. Die Entwicklung der ursprünglichen und der bereinigten Zahl ist in Abb. 04350 gegenübergestellt.

In der längerfristigen Tendenz seit dem Jahr 2000 hat sich die Beschäftigung immer mehr von Vollzeitbeschäftigung auf geringfügige und Teilzeit-Beschäftigung sowie Formen von Selbständigkeit und Mithelfer (meist mit öffentlicher Unterstützung) verlagert, siehe Abb. 14001.

Offen ausgewiesene und versteckte Arbeitslosigkeit berührt mehr als 11 Millionen Menschen (Abb. 04351). Nach Prognose des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit wird die die "Stille Reserve" derer, die nicht amtlich als "arbeitslos" gezählt werden, in diesem Jahr um rd. 170.000 zunehmen, weil das gesamtwirtschaftliche Umfeld zu wenig Dynamik entwickelt und viele ihre Arbeitslosmeldung nicht aufrechterhalten. Die Zahl versicherungspflichtiger Arbeitsplätze soll im Durchschnitt dieses und des nächsten Jahres weiter abnehmen.

7. Noch ein kurzer Blick auf das glücklichere Frankreich

Auch in Frankreich wurden am Freitag die Detailergebnisse des 2. Quartals 2006 veröffentlicht (Abb. 12198). Der Index des dort „salaire mensuel de base" genannten Arbeitseinkommens stieg mit einem vernünftigen Plus von 2,9 % (D = -3,2 %) und schob damit den Konsum privater Haushalte mit 3,1 % Plus (D = -0,2 %) vor sich her. Auch die für die Zukunft des Landes und den Arbeitsmarkt entscheidenden Bruttoanlageninvestitionen entwickelten sich mit einem fetten Plus von 4,1 mehr als doppelt so stark (D = 2,0 %), was zu einer besseren Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts insgesamt beitrug. Damit ist auch die Langzeitarbeitslosenrate bei 3,6 % erheblich niedriger als in Deutschland bei 4,3 %. Schließlich ist das Land wesentlich weniger von der sich derzeit eintrübenden weltwirtschaftlichen Entwicklung abhängig als Deutschland.


Fazit

Die Ergebnisse der Großen Koalition auf wirtschafts- und sozialpolitischem Felde sind bisher nicht besonders ermutigend. Die bessere Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts im 2. Quartal beweist noch keine dauerhafte Wende, zumal erste Indikatoren schon wieder auf eine Abschwächung hindeuten. Unter einem schwieriger werdenden weltwirtschaftlichen Umfeld wird Deutschland wegen seiner besonders großen Exportabhängigkeit bei schwacher Binnenkonjunktur mehr als die meisten Vergleichsländer zu leiden haben, auch weil in 2007 noch der Kaufkraftentzug durch die Mehrwertsteuererhöhung hinzukommt. Man kann nicht erwarten, daß die Unternehmen unter solchen unsicheren Vorraussetzungen von der Ansammlung von cash abgehen und in größerem Stil ihre hohen Gewinne in dauerhafte neue Arbeitsplätze investieren, jedenfalls nicht in Deutschland.

Höchste Eisenbahn daher, die öffentliche Sparpolitik für einige Zeit auf Eis zu legen, die Mehrwertsteuererhöhung zu verschieben und andere Maßnahmen zur Ankurbelung der Binnenkonjunktur zu ergreifen. Insbesondere sollte die Bundesregierung - entsprechend der Entwicklung in anderen Eurozonenländern - zu einer weit positiveren Lohnpolitik der Unternehmen ermuntern.


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